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La Paz und der Meskalin-Kaktus San Pedro

 


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Toastbrot
Kiebitz


Anmeldungsdatum: 10.03.2006
Beiträge: 1

BeitragVom : 10 März 06 9:44     Thema: La Paz und der Meskalin-Kaktus San Pedro

Oktober 2003:

„Nehmen Sie es locker! Ihre Ersatzkarte müsste in zwei Tagen da sein. Und wenn Sie hier fertig sind, dann stehen Sie auf, gehen zur Tür, dann nach rechts bis zum Ende des Flurs. Und dann schauen Sie aus dem Fenster! Ich wünschte, ich könnte dort sein!“ scherzt der Typ aus Boston am Telefon. „OK“ sage ich. Es ist wieder Dämmerung. Ich stehe hinter der Glasfront des Mastercard-Office. Zehn Stockwerke unter mir: die Millionenstadt, umgeben von Fünf- und Sechstausendern – in allen Himmelsrichtungen. Diesmal sind es Häuser, die die Berge hinaufwuchern. Über mir tauchen die ersten Sterne auf. Ich warte, bis es Tausende sind. Bis mir klar wird, dass der Yankee nicht gescherzt hatte.

Unser Hostal ist voll. Die Deutschen dominieren. Paco, mein Gefährte, muss in fünf Tagen in Buenos Aires sein; der Rückflug nach Europa steht an. Auf den Platz hatte er einen Monat warten müssen, das offene Ticket der Lufthansa war dermaßen „offen“, dass man den Rückflug am liebsten schon vor dem Hinflug gebucht gesehen hätte.

Auf dem Weg zum Busbahnhof läuft uns eine Australierin in die Arme: „Wenn ihr zum Flughafen fahrt, werden sie euch töten! Alle Busse kamen mit eingeschlagenen Frontscheiben zurück. Ich habe ein Mädchen mit komplett blutigem Kopf gesehen!“

La Paz ist noch immer dicht, die Blockaden haben sich ausgeweitet und die Vorräte drohen knapp zu werden.

Ein Internetcafé: ich checke meine Mails. Die Leitungen stehen noch. „26igste und 41igste“ murmelt ein Typ. Neben mir sitzen zwei Deutsche. „Irgendwas Neues vom Präsidenten?“ frage ich. „Keine Ahnung“, der Typ winkt ab. „1 zu 2. Schalke hat gewonnen!“ sagt er zu seinem Kumpel.

Auf der Botschaft: mein Ersatzpass ist da. Die Ratten knöpfen mir 50 Euro ab.

Wir sitzen auf dem Dach des Hostal. Ein Rasta-Mädchen lässt ihre letzte, extra große Tüte kreisen: „Wir fragten also nach ‚polvo de San Pedro’. Du musst das Pulver verlangen! Wenn sie kein Pulver haben – zur Not tut es auch ein Kaktus, aber das Pulver macht es einfacher und du bekommst es auch gleich in der richtigen Dosierung.“ „Zumindest dachten wir, es wäre die richtige Dosierung“, unterbricht sie ihr Nachbar. Er benutzt ein Schafsfell als Umhang. Zwischen seinen Oberschenkeln klemmt eine gewaltige Trommel und seine mächtige Matte hält er sich mit einem Stirnband in „Peace Colors“ vom Hals. Als er mir im Hostal das erste Mal über den Weg lief, beeilte ich mich, mein bestes Hemd anzuziehen. Um das ästhetische Gleichgewicht wieder herzustellen.

Je öfter den Schafs-Mann der Joint passiert, desto leidenschaftlicher beackert er seine Trommel und desto stärker wackelt der Anstecker an seinem Fell: „Pro Palestine“. Den Israeli neben mir scheint das nicht zu stören. Er ist mit seiner Kamera beschäftigt. Wie ich auch.

Olga: „Das Pulver rührst du in einen Tee ein und den trinkst du, bevor das Zeug immer fester wird. Und dann musst du nur noch warten.“ Der Schafs-Mann hört auf zu trommeln und nimmt den Joint entgegen: „Es war total strange! Mein Zelt hat angefangen zu leben! Die Wände haben geatmet. Pulsiert! Oder gebebt. Ja, gebebt!“ Ein junger Kerl mit Hornbrille, den ich schon längst zum Medizinstudenten gestempelt hatte, ergänzt tatsächlich: „Wie eine Gebärmutter?“ Ich überlege, ob der Gynäkologe den Neandertaler verarschen will. „Auf jeden! Mein Zelt war eine Gebärmutter!“ Der Schafs-Mann hat immer noch die Tüte in der Hand und ich ahne, er wird sie auch in der nächsten Minute nicht weitergeben. „Und es wurde immer spaciger! Das Lagerfeuer wurde krasser und krasser! Und mein Mutterschiff fing an, innerlich zu zerfließen, aber ich wusste nicht, ob das alles real ist!“ Ich schaue verwirrt zu dem Engländer zu meiner linken. Hatte Ötzi wirklich „Mutterschiff“ gesagt? Der Engländer stiert auf den Joint und wartet darauf, dass er endlich zieht. „Ich hab das alles nicht mehr richtig gecheckt. Irgendwie muss ich durch das Feuer gesurft sein!“ Endlich zieht er an der Tüte, scheint sie aber, nun auch zum Entsetzen des Israelis zu meiner rechten immer noch nicht weitergeben zu wollen. „Irgendwie riss das Feuer dann sein riesiges Maul auf und fraß mein Zelt. Ab da kann ich mich nicht mehr richtig erinnern.“

„Ich leider auch nicht“, ergänzt Olga. „Aber an den nächsten Morgen!“ fährt der Schafs-Mann fort. „Mein Zelt war abgebrannt. Und meine Sachen. Sogar mein Lama-Pullover. Und den hatte ich an!“ Die Tüte ist alle. Er zieht sein Schafsfell beiseite und zeigt eine Brandwunde an seiner Schulter. Ein Licht blitzt auf. Der Israeli hat tatsächlich ein Foto gemacht. Nach einem kurzen Augenblick der Verwunderung lache ich schallend los. Der Israeli hatte die kürzeste Pointe gesetzt, die ich je erlebt habe.

Wir waren fertig mit Lachen. „Also – es soll ja hier auch diese Hexenmärkte geben. Ich würde gleich morgen was kaufen – wer Lust hat ...“, schlage ich vor. Alle stimmen zu. Bis auf den Schafs-Mann. Der rät uns ab.

Am nächsten Tag: Olga begleitet mich. Tatsächlich ist sie die Einzige, die auch nur weiß, wieviele Zacken ein „Cactus San Pedro“ hat. Damit ist ihr Fachwissen allerdings erschöpft. Da ich nicht allein für die Vergiftung eines halben Dutzend Backpacker verantwortlich sein will und auch weil sie spanisch spricht, sind wir gemeinsam auf der Suche nach den Hexen.

Wir finden welche. Außer Aphrodisiaka, getrockneten Lamaföten und stinkenden Kräutern, die aber alle nicht knallen, haben die allerdings nicht viel zu bieten. Am Ende des Tages kommen wir mit einem knöchernen alten Kaktus zurück – einem halben Meter „San Pedro“.

Im Hostal sind alle versammelt. Nun hat man zwar keine bunten Pillen erwartet, aber auch keinen runzligen grünen Stängel. Von dem keiner sicher weiß, wie er zubereitet wird. „Du musst das Fleisch rauspulen!“, „Der Kern muss sechs Stunden kochen.“, „Auf keinen Fall das Weiße im Kaktus essen!“. Der Israeli, der Gynäkologe, eine schwarzhaarige Dänin – alle steuern etwas bei. Leider deckt es sich nicht. Es hat nicht mal dieselbe scheiß Richtung. Am Ende gibt es so viele Rezepte, wie es Leute gibt; was bleibt, ist ein halber Liter grüner, schleimiger Masse, Olga und ich. Alle anderen steigen nach und nach aus.

„Wenn das hier wirkt, dann sollten wir nicht in einem dreckigen, stinkenden Moloch wie La Paz sein!“ bemerkt Olga. „Wir brauchen Natur!“ Nun ist ‚Natur’ ein dehnbarer Begriff.

Wir machen uns auf den Weg zum Stadtrand. Das ist da, wo es kein Internet gibt. Und keine Kanalisation. Bäume ohnehin nicht, wir befinden uns auf 5.000 Meter Höhe. Dort, wo das Hochplateau endet, über das man stundenlang fährt, wenn man nach La Paz reist, bevor sich das gewaltige Tal auftut, in dem die Stadt liegt.

Wir füllen den Kaktusschleim in zwei Tüten ab. Da ich davon ausgehe, dass wir mit weit aufgerissenen Augen an einem Felsen kauern werden, während das metaphysische Kollektiv der Stadt zu uns spricht, während ein gutes Dutzend ganz und gar physische Einheimische unsere Taschen durchsuchen, lasse ich alles im Hostal zurück, was nach Dollar aussieht.

Als wir das Plateau erreichen und uns am Fuße eines riesigen Kruzifixes niederlassen, habe ich meine Tüte bereits intus. Soweit es geht, denn nach zwei Dritteln der Masse, die ich während der Busfahrt mit den Fingern löffelte, kam mir der Rest bereits aus der anderen Richtung entgegen. Mehr ging beim besten Willen nicht. Es ist unmöglich, den Geschmack von etwas zu beschreiben, das niemand, der halbwegs bei Verstand ist, jemals essen würde. Vielleicht nur soviel: Ich hatte einmal versehentlich Scheiße gegessen. Im Vergleich war Scheiße köstlich.

Erst jetzt bemerke ich, dass Olgas Tüte fast voll ist. Und es scheint, als weiß sie selbst nicht genau warum. In jedem Fall traue ich ihrem Instinkt in Sachen Kakteen weiter als meinem. Ich stelle mich also auf einen beschissenen Abend ein. Beschissen in einer Größenordnung, in der der körperliche Kontrollverlust, selbst wenn „beschissen“ wörtlich genommen würde, von der Wucht der Schmerzen in der Relevanz noch übertroffen wird. Ziemlich beschissen.

Olga reist seit einem Jahr durch Südamerika. Meist allein, auch durch Kolumbien, was selbst Hartgesottene als mindestens fahrlässig einstufen würden. Ein SEK räumte ihre deutsche Wohnung, während sie mit chilenischen Soldaten in der Atakama-Wüste feststeckte und auch ohne, dass sie mir den Grund dafür nennt, will ich es nicht auf ein „wer hat die dickeren Eier“-Duell ankommen lassen. Allein ihr Name ist schon verdächtig.

Zeit verging.

Ich hatte mit Ketamin experimentiert und ich erwartete nicht gerade einen solchen Trip. Aber ich erwartete zumindest, dass sich der Himmel über mir öffnet.

Nichts passierte.

Die Farbe grün sollte mir noch wochenlang Würgreize bescheren, in Gegenwart von Kakteen würde ich nie wieder einen Bissen runter bekommen und wann immer ich je wieder einem Typ mit Schafsfell begegnen werde – ich werde ihm trotzdem nicht zuhören. Es sei denn, er gibt den scheiß Joint rechtzeitig weiter.


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