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Die Faszination des "Ganz Anderen"...

 


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Autor Nachricht
Jörg1969
Kiebitz


Anmeldungsdatum: 05.09.2006
Beiträge: 7

BeitragVom : 14 Sep 06 15:35     Thema: Die Faszination des "Ganz Anderen"...

High!

Wo Deutschlands grauer Himmel weicht und and're Winde weh'n... where no autobahn leads to and industrial noise is unheard...

...in solche Verse kleidete ich während vieler Jahre meine bis heute unerfüllte Sehnsucht nach der Ferne jenseits des banalen Alltagstrotts, eine Sehnsucht, die in Afghanistan als phantasmagorischem Traumziel kulminiert, aber durchaus auch andere Namen hat.

Aber auch diese anderen Namen bezeichnen regelmäßig Orte und Länder weit außerhalb Europas, ich käme nie auf die Idee, meinen Traum vom "Ganz Anderen" in, sagen wir Frankreich, Italien oder Spanien suchen zu wollen, schon gar nicht in Deutschland oder dessen unmittelbarer Nachbarschaft... die Ardennen sind nicht exotisch, und die Gewerbegebiete von Quadrath-Ichendorf schon mal gar nicht, und meine unmittelbare Wohnumgebung nehme ich nur als basswummernde, auspuffröhrende Prollhölle wahr...

Wenn ich mit dem Finger auf der Landkarte oder heißem Kopf in der Geographieabteilung der örtlichen Bibliothek durch die Welt streune, lande ich regelmäßig in Zentralasien, Indien, Iran, auch Nordafrika und die Sahara sind nicht ohne Reiz, andererseits aber auch als landschaftliches und klimatisches Kontrastprogramm der kühle Süden des Planeten, Patagonien, Feuerland, Tasmanien und Neuseeland, bis hin zu den entlegensten Inseln der Subantarktis.

In früheren Jahren, den 80ern und 90ern, ging ich in bester Alternativglobetrotter-Tradition davon aus, dass das "Ganz Andere" nur in Ländern der "Dritten Welt" erlebbar sei, überall sonst habe der amerikanisch-europäische Konsumkapitalismus zu einer derartigen Nivellierung und Banalisierung des Lebens geführt, dass das Bereisen von Wohlstandsländern reine Zeitverschwendung sei, exotisch sind nach dieser Definition nur zerlumpte Bauern, die in Lehmhütten malerisch vor sich hin hungern, langbärtig und beturbant und allein schon deshalb der radikale Gegenentwurf zum opelfahrenden flachgesichtigen Büroangestellten aus D-6440 Bebra mit eternitvollverkleidetem Eigenheim und PVC-Zwergen im Vorgarten...

Mittlerweile ist es nicht mehr in erster Linie der utopisch-moralisch-ästhetische Gegenentwurf zur westlichen Zivilisation, der mich vom Reisen als Form des Aussteigens träumen lässt, sondern mein Bedürfnis nach weiten, stillen Räumen, ohne das Gedröhn und Gewummer des großstädtischen Alltags, ohne die nervenzermürbenden Informationschaos aus dem Internet, ohne den "Daily Horror" der Nachrichten über Terrorwellen, Bürgerkriege, Turbokapitalismus und Klimakatastrophe, Orte, an denen einen nicht auf Schritt und Tritt irgendwelcher knallig bunter Zivilisationsmüll an die allgegenwärtige Globalisierung erinnert...

...wie denkt ihr darüber?

Bis bald im Khyberspace!

Jörg "Yadgar"
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Eliane
WRF-Moderator


Anmeldungsdatum: 17.04.2006
Beiträge: 734
Wohnort: Ulan-Ude/Russland

BeitragVom : 15 Sep 06 8:34     Thema: Die Faszination des "Ganz Anderen"...

Hallo Jörg,

für mich galt einige Jahre meines Lebens das Motto "Wenn schon anders als die anderen, dann ganz anders."
Das resultierte ursprünglich daraus, dass ich dazugehören wollte zur großen Gemeinschaft, aber doch immer Außenseiterin und Einzelgängerin geblieben war.
Und damit ergab sich für mich dann fast zwingend, dass ich meinen Traum nach einem Auslandsjahr nach der Schule nicht nach USA, Frankreich oder Großbritannien verlegte, sondern in die andere Richtung.
Schließlich fiel meine Wahl auf Russland.
Ich ging dorthin zwar, weil sonst niemand (1991 gleich nach dem Putsch) dorthin ging. Aber ich wollte damals zeigen, dass es dort so anders auch wieder nicht sei und dass man ein Jahr in Russland unbeschadet überstehen könne.

Heute ist mein Drang hier in Ostsibirien zu leben von etwas anderem geprägt.
In den Städten kann ich dem Kapitalismus in seiner äußerst aggressiven Form nicht entfliehen. Und ich gehe auch davon aus, dass dieser in den meisten Ländern der Welt, gerade auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern besonders extreme Blüten treibt. Eben weil sich dort nur eine dünne Schicht von Leuten das leisten kann, was sie gerne hätte und die anderen alle dem hinterherhecheln.
Ob mir das nun gefällt oder nicht. Aber ich kann dem kleinen Reisbauern irgendwo in Vietnam nicht verübeln, wenn er auch von einem schicken Auto träumt. Es wird ihm zu viel und zu oft als ein "erfülltes Leben" vorgegaukelt. Inzwischen ja nicht mehr nur aus dem Westen, sondern auch vom Bankdirektor im nächsten größeren Ort, demjenigen "der ES geschafft hat".

Kurz, ich glaube, dass es diesen idealisierten Ort egal in welcher Zivilisation nicht mehr gibt.
Wohl aber gibt es Gegenden, wo man noch einer gewissen Ruhe pflegen kann. Und das ist für mich eben Burjatien in Ostsibirien.
Das Land, so groß wie die Bundesrepublik, hat nur etwa 1 Mill. Einwohner.
Genug Platz also, um sich auch mal in die absolute Einsamkeit zurückziehen zu können.

Allerdings bin ich in den letzten Jahren auch zu der Einsicht gekommen, dass ich der Globalisierung - so üble Triebe sie auch haben mag, doch auch etwas positives abgewinnen muss.

Ich könnte in diesem Forum keinen Austausch betreiben, gäbe es nicht das Internet. Ich möchte auf den Kontakt zu meinen Freunden auf dem gleichen Wege nicht mehr verzichten.
Zweifellos bräuchte ich CocaCola genauso wenig wie Nutella oder ein japanisches Auto. Und ich bin froh, dass es Mc Donald's noch immer nicht über den Ural hinaus gibt.
Ich fabriziere mir viele Lebensmittel, die es hier nicht zu kaufen gibt, die ich dennoch nicht entbehren möchte, selbst. Ich fahre ein einheimisches Auto (zum Entsetzen vieler Russen).

Wenn ich auf dem Dorf (auch in manchen Stadtvierteln) bin, wo trotz der ruhmreichen Sowjetherrschaft, immer noch das Wasser in Eimern nach Hause geschleppt wird, wo zwar vor nahezu jedem Haus eine Fernsehschüssel steht, aber in der Ecke des Gartens ein morsches Häusl als Abtritt dient. Wo man wenig effektiv heizt und erst seit ein paar Jahren auf die Idee kommt, simple Fliesen auf den Ofen zu kleben, weil die die Wärme speichern.
Dann bin ich teilweise hin- und hergerissen, ob ich modernisieren soll. Mir ein Bad und ein WC einbauen oder ob es nicht viel kultiger ist, alles so zu lassen, wie es ist.

Und genau da aber stoße ich an den wunden Punkt: Ist es wirklich kultig? Wenn ich mir gleichzeitig an den Kopf greife, wie sehr man die Menschen hier auf einem niedrigen Wissens- bzw. Lernniveau gehalten hat, dass sie über all die Jahre nie gelernt haben, selbständig 1+1 zusammenzuzählen, etwas auszuprobieren, um aus Erfahrung zu lernen.

Gleichzeitig fällt es mir schwer - entsprechend kultig - jeden Nagel auf der anderen Seite des Bretts krumm zu klopfen, weil man sich entweder nicht die Mühe gemacht hat, geeignete zu finden (die es heute sehr wohl gibt) oder aber zu faul war, den zu langen Nagel am Ende abzuzwicken.

Als letzter Aspekt vielleicht noch dies:
Je länger ich an einem Ort lebe, umso weniger bleibt es das "Ganz Andere". Man gewöhnt sich, findet sich ein, hält vieles für normal. Was das alles ist, merkt man erst wieder dann, wenn man sich in seiner ursprünglichen Umgebung aufhält und dort aneckt.

Viele Grüße
Eliane
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Coogar
WRF-Moderator


Anmeldungsdatum: 28.06.2005
Beiträge: 758
Wohnort: Córdoba, Argentinien

BeitragVom : 15 Sep 06 14:56     Thema: Die Faszination des "Ganz Anderen"...

Eliane schrieb:

Je länger ich an einem Ort lebe, umso weniger bleibt es das "Ganz Andere". Man gewöhnt sich, findet sich ein, hält vieles für normal.

Ja. Und inzwischen finde ich sogar, dass die Ampelmännchen in Deutschland 'irgendwie komisch' aussehen. Wink
Grüße, Coog Cool
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Astrid
WRF-Moderator


Anmeldungsdatum: 05.12.2002
Beiträge: 5556
Wohnort: weltreisend seit 2000

BeitragVom : 19 Apr 11 21:57     Thema: Die Faszination des "Ganz Anderen"...

Hallo Smile

Auch für uns weicht die Faszination des "ganz anderen" immer wieder der Gewohnheit, was uns v.a. dann auffällt, wenn wir Besuch aus D bekommen.

Die erste Fahrt vom Flughafen zur Unterkunft oder ans Meer ist nicht nur für die "Neuankömmlinge" ein Highlight, das mit vielen "Ahs" und "Ohs" gespickt ist, sondern auch für uns, weil uns in solchen Momenten bewußt wird, wie sehr wir uns an das ursprünglich Fremde gewöhnt haben Wink.

Neulich haben uns dankbare Freunde in ein karibisches Luxushotel zum Dinner eingeladen.
Weil die meisten tropische Früchte in den Tropen sehr Saison-abhängig und außerhalb der Saison füruns unerschwinglich teuer sind, haben wir die Gelegenheit beim Schopf gepackt und als Dessert einen "exotischen Fruchtsalat" bestellt.
Wir waren platt erstaunt, auf unserem Teller ein paar Apfel- und Pflaumenstücke sowie wenige Erdbeeren, Heidelbeeren, Himbeeren, Kirschen zu sehen.
Alles eine Frage der Perspektive - Exotik ist ein Phänomen des Ungewohnten.

Ganz konkret ist mir in diesem Zusammenhang auch unsere Rückkehr nach Deutschland von Tonga aus in Erinnerung geblieben, wo mir die eindrucksvolle Vielfalt deutscher Bäume regelrecht "exotisch" erschien, nachdem ich längere Zeit nur unter Palmen gewohnt hatte - weitere Beispiele finden sich im Kapitel Home sweet home.

Zitat:
Mittlerweile ist es nicht mehr in erster Linie der utopisch-moralisch-ästhetische Gegenentwurf zur westlichen Zivilisation, der mich vom Reisen als Form des Aussteigens träumen lässt, sondern mein Bedürfnis nach weiten, stillen Räumen, ohne das Gedröhn und Gewummer des großstädtischen Alltags, ohne die nervenzermürbenden Informationschaos aus dem Internet, ohne den "Daily Horror" der Nachrichten über Terrorwellen, Bürgerkriege, Turbokapitalismus und Klimakatastrophe, Orte, an denen einen nicht auf Schritt und Tritt irgendwelcher knallig bunter Zivilisationsmüll an die allgegenwärtige Globalisierung erinnert...

Diesen Eindruck und Wunsch teile ich - dennoch gibt es meiner Erfahrung nach nirgends "ein Paradies ohne eine Portion Hölle" und die Faszination einer grenzenlosen Weite oder einer unberührten Natur bedingt Realitäten, die von manchem nicht minder horror-mäßig erlebt werden können...
Entsprechend viele haben wir getroffen, die sich nach einigen Jahren in der zu Beginn so faszinierenden Fremde wieder nach ihren Wurzeln gesehnt haben und in die behütetere "westliche Zivilisation" zurück gekehrt sind Rolling Eyes...

Liebe Grüße
Astrid
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Anmeldungsdatum: 31.03.2011
Beiträge: 119

BeitragVom : 07 Mai 11 20:14     Thema: Die Faszination des "Ganz Anderen"...

Ich bin "erst" seid 8 Monaten unterwegs und bei mir hat die Faszination des "Ganz Anderen" ca. 3 komplette Monate durchgehalten. Danach wurde es immer mehr zur gewohnheit neues zu sehen. Allerdings habe ich immer noch dieses Kribbeln im Bauch, wenn ich nach drei oder vier Tagen an einem Ort den Rucksack aufsetze und es weiter geht. Besonders in neue Laender zu kommen ist immer noch eine Sensation fuer mich, denn, auch wenn die Asiaten vieles gemeinsam haben und man regelmaessig auf schon bekanntes trifft, so sind die Menschen und mentalitaeten doch ueberall anders. Und das ist wunderbar. Da kann auch McShit und Komerz und Globalisierung nichts dran aendern. Immer mehr bewust wird mir aber auch, dass Europa doch eigentlich ein schmeltztiegel verschiedener Kulturen ist. Nur, weil wir es so gut kennen vergessen wir das oft.

Zitat:
Alles eine Frage der Perspektive - Exotik ist ein Phänomen des Ungewohnten.


So war es bei uns in Vietnam in Da Lat. Die Vietnamesen kommen hier her weil es so "exotisch" ist -> Vietnam: Da Lat anders als andere vietnamesische Städte?

Zitat:
ich käme nie auf die Idee, meinen Traum vom "Ganz Anderen" in, sagen wir Frankreich, Italien oder Spanien suchen zu wollen, schon gar nicht in Deutschland oder dessen unmittelbarer Nachbarschaft


Auch das ist eine Frage, was man wahrnimmt. Das besonderste, das ich bisher auf meiner Reise gefunden habe ist noch naeher. Mich selbst... Im ernst, ich habe mit meditieren angefangen (in Indien, wie sollte es anders sein?) und was ich da an neuem und erstaunlichem finde, uebertrifft alles um mich herrum. Smile
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