Erfahrungen mit Gehörlosen?

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Luther
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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von Luther » 29 Mai 09 1:07

Hallo Massi,

nun ja, dass Du nach Hörschädigung fragtest, war natürlich der Anlass, dass ich in Deinem Text nach Anzeichen dafür gesucht habe, dass Du hörgeschädigt bist. Aber keine Sorge, wer keine Erfahrungen im Umgang mit Hörgeschädigten auf schriftlicher Basis hat, merkt das nicht.

Also, wenn Du gehörlos geboren worden bist, bist Du wirklich ein ungewöhnlicher Gehörloser, auch wenn Du das bescheiden von Dir weist. Ich habe noch nie einen Gehörlosen kennen gelernt, ob Schüler oder Erwachsener, der ein so perfektes Deutsch schreibt. Es gibt hier im Raum Braunschweig eine Frau, die sehr gut verständlich spricht und auch ebenso schreibt, sie ist sogar Doktorin. Aber die ist erst im Alter von fünf Jahren ertaubt. (Anmerkung für hörende Mitleser: das nennen wir spätertaubt, weil ein Kind in dem Alter schon Sprache kennen gelernt hat und auf die Erfahrungen zurückgreifen kann.) Wie kommunizierst Du denn mit Hörenden? Wie gut kannst Du (laut-)sprechen, wie viel mit Hörgeräten hören? Wie gut kannst Du eine (Laut-) Fremdsprache?

Wie um Himmels willen kommst Du darauf, dass ich ein Mitglied der "alten Lehrergeneration" bin, Anhänger von Samuel Heinicke? Ich nehme an, Du meinst seine Ablehnung der Gebärdensprache. Nein, ich habe mein Aufbaustudium zum Hörgeschädigtenlehrer zwar erst im Alter von 39 Jahren begonnen, und bin inzwischen noch älter. Aber schon im Probejahr vor dem Studium, als ich den theoretischen Hintergrund noch gar nicht kannte, fand ich es schockierend, dass die Lehrer von Gehörlosenklassen sich mit ihren eigenen Schülern nur schwer verständigen konnten und nichts verstanden, wenn ihre Schüler untereinander gebärdeten. Im Studium in Hamburg war ich auch in Seminaren von Prillwitz, der als erster die Gebärdensprache wissenschaftlich untersucht und die Anerkennung als vollwertige Sprache durchgesetzt hat. Trotzdem kann ich selbst nur wenig gebärden, weil ich das nur im Studium gelernt habe und danach immer Schwerhörigenklassen hatte. Das ist wie eine (gesprochene) Fremdsprache: Wenn man nicht ständig trainiert, verlernt man es. Und das Wenige, das ich kann, ist eher LBG als DGS.

Also, wenn Du meinst, mich aufklären zu müssen, "Wir Gehörlosen sprechen auch. Achtung: Mit Sprechen ist nicht nur lautsprechen gemeint.", und Du mich am Ende Deiner Mail fragst, was ich mit meiner Anmerkung zu dem Wort "Plauderecke" meine, reden wir offenbar zwei verschiedene Dialekte. Hier an meinem Wohnsitz, Braunschweig, wo es eine Hörgeschädigtenschule gibt, sagen wir "reden" wenn wir Kommunikation in Lautsprache meinen, und "plaudern", wenn man sich in Gebärdensprache unterhält. An den anderen niedersächsischen Schulen ist das nach meiner bisherigen Erfahrung ebenso. Ich dachte, das gilt deutschlandweit? Aber Du hast das offenbar nicht so verstanden wie ich es meinte. Unter Hörenden sagt man aber "plaudern", wenn man meint, sich locker und ohne thematische Festlegung zu unterhalten. Weil ich, wenn ich das Wort "plaudern" höre, immer an gebärden denke, und dachte, Du verstehst das genau so wie ich, musste ich über das Wort "Plauderei" im Titel dieses Bretts schmunzeln.

"Ach, der versteht auch nichts. => Damit lag die Dame ganz falsch!" schreibst Du. Doch, die lag (scheinbar) richtig. Genau genommen hätte sie sagen müssen: "Ach, der versteht auch keine Lautsprache." Damit irrte sie in meinem Fall zwar, weil meine Antwortverzögerung einen anderen Grund hatte. Aber so präzise formulieren das nur Menschen wie Du und ich und andere Beteiligte oder Betroffene.

Übrigens, etwas vom Thema abweichend: Da die meisten Menschen kaum mal im Leben Kontakt mit Gehörlosen haben, kommen sie normalerweise nicht mal auf die Idee, dass jemand gehörlos sein kann. Gehörlose kann man halt nicht erkennen, anders als Rollstuhlfahrer, die von vornherein auffallen, und ebenso wenig wie Blinde, die sich ihren Weg mit einem Blindenstock abtasten. In Braunschweig ist mal ein Gehörloser von einer Straßenbahn tödlich angefahren worden. Der hatte die Schienen an einer nicht erlaubten Stelle überquert, und der Straßenbahnfahrer hatte geklingelt, geklingelt, geklingelt ...

Nochmal zurück zum Dialekt: Wo wohnst Du, wo bist Du aufgewachsen, an welcher Schule machst du Dein Fachabitur?

Zum Schluss noch meine Gratulation und meine tiefste Respektbezeugung, dass Du Deine Weltreisepläne allein angehen willst. Der Mensch, auf den sich Birgit in ihrer Mail bezieht, ist anscheinend aus ähnlichem Holz geschnitzt wie Du. Solche Gehörlose habe ich in mehr als zwanzig Berufsjahren nie kennen gelernt und auch nie davon gehört. In London, wo ich mit meiner Schwerhörigenklasse am Magic Eye zufällig eine Gruppe der Gehörlosenberufsschule in Essen traf, waren die in Begleitung eines hörenden Lehrers, der sowohl (lautsprachlich) Englisch wie auch Deutsche Gebärdenprache beherrschte.

So, jetzt muss ich aber zum Ende kommen, kommen, ich will schlafen gehen. Ich möchte aber noch anmerken, dass ich den Link http://globetreter.de/deutsch/vamonos/main_ves.html in Deinem Vorstellungsthread und den Link http://www.balideafguide.com/index.html von Birgit höchst interessant finde!

Gruß
Luther

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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von al-iksir » 29 Mai 09 9:58

Hallo,

mich würde interessieren, warum oder inwiefern man an einem Text erkennt, dass er von einem Gehörlosen geschrieben wurde und nicht von einem Hörenden. Als Laie auf diesem Gebiet hätte ich keinen Unterschied erwartet.

Grüße,
al-iksir.

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Brigit
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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von Brigit » 29 Mai 09 12:09

Kann ich auch nicht ganz nachvollziehen warum man das an der Schreibweise merken soll, mein Fraund schreibt ganz "normal" in allen Foren und die Homepage sowie noch eine eigene private hat er komplett selbst gestaltet. Übrigens ist er auch von Geburt an gehörlos und spricht aber sehr gut und verständlich

LG Brigit
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Massi
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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von Massi » 30 Mai 09 0:01

Hallo Luther.

Habe heute einer Freundin von dem Beitrag hier im Forum erzählt und erwähnt, dass du aus Braunschweig kommst. Sie meinte, die Schule in Braunschweig ist eine "schwache" Schule. Fakt ist, dass an, ich wage es zu sagen, allen Schulen die Gehörlosenpädagogik grottenschlecht ist.
Mit "schwache" Schule ist lediglich das Erscheinen der Bildungsstand bei den Leuten in Braunschweig gemeint. Doch muss ich aber erwähnen, dass aus meiner Erfahrung und durch Austausch mit verschiedenen Schülern die Tatsache besteht, dass gehörlose Schüler aus Bayern den besten Stand haben. ( Vergleichsweise: Gehörlose Schüler aus Bayern haben keine Probleme, an der Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg in Essen das Abitur zu ergattern. Dagegen haben viele Schüler aus der Realschule in Dortmund bemerkenswert Probleme. Was eine Spur sein kann, dass in Dortmund einiges falsch gemacht worden ist....)
Luther hat geschrieben: (Anmerkung für hörende Mitleser: das nennen wir spätertaubt, weil ein Kind in dem Alter schon Sprache kennen gelernt hat und auf die Erfahrungen zurückgreifen kann.)
Diese Aussage ist verwirrend. Kinder lernen schon bereits in den Babyjahren eine oder mehrere Sprache kennen. Deiner Aussage nach sind die Gehörlosen nicht in der Lage, eine Sprache zu erlernen. Und das ist eine falsche Aussage.

Mit Hörenden kommuniziere ich jeweils nach dem Person. Mit manchen kann ich problemlos reden, weil sie mich gut zuhören und mit meiner Aussprache relativ gut dekodieren können. Mit manchen gar nicht, weil sie stubborn sind. Und so weiter. Also ziemlich unterschiedlich.

Ich nutze keine Hörgeräte. Aus ethischem und kulturellem Grund. Als Gehörloser bin ich in die Welt gekommen und gehe eben auch als ein Gehörloser ab. Hörgeräte dienen nur dazu, die Erschwerung der Lautsprachkommunikation zu erleichtern... wieder kann dieses Thema tiefgehender werden, so belasse ich es.

(Laut-)Fremdsprache kann ich genauso so schlecht wie die Leute, die hören können.
Luther hat geschrieben: Aber schon im Probejahr vor dem Studium, als ich den theoretischen Hintergrund noch gar nicht kannte, fand ich es schockierend, dass die Lehrer von Gehörlosenklassen sich mit ihren eigenen Schülern nur schwer verständigen konnten und nichts verstanden, wenn ihre Schüler untereinander gebärdeten.
Ja, du kannst und darfst wirklich LAUT SAGEN, wie schockierend es ist!
Stell es dir mal vor, wie es ist in den Drittländern. Als Globetrotter mit offenen Augen für die Welt geht es bestimmt bis in den Mark. ( Meine Erfahrung dazu wird bestimmt noch kommen, da ich bisher nur in europäischen Ländern war, welche schon frustrierend war. )


Und welchen theoretischen Hintergrund meinst du?
Luther hat geschrieben: Also, wenn Du meinst, mich aufklären zu müssen, "Wir Gehörlosen sprechen auch. Achtung: Mit Sprechen ist nicht nur lautsprechen gemeint.", und Du mich am Ende Deiner Mail fragst, was ich mit meiner Anmerkung zu dem Wort "Plauderecke" meine, reden wir offenbar zwei verschiedene Dialekte. Hier an meinem Wohnsitz, Braunschweig, wo es eine Hörgeschädigtenschule gibt, sagen wir "reden" wenn wir Kommunikation in Lautsprache meinen, und "plaudern", wenn man sich in Gebärdensprache unterhält. An den anderen niedersächsischen Schulen ist das nach meiner bisherigen Erfahrung ebenso. Ich dachte, das gilt deutschlandweit? Aber Du hast das offenbar nicht so verstanden wie ich es meinte. Unter Hörenden sagt man aber "plaudern", wenn man meint, sich locker und ohne thematische Festlegung zu unterhalten. Weil ich, wenn ich das Wort "plaudern" höre, immer an gebärden denke, und dachte, Du verstehst das genau so wie ich, musste ich über das Wort "Plauderei" im Titel dieses Bretts schmunzeln.
Meinst du mit "reden" und "plaudern" per Gebärde?

Ja, ich habe unter plaudern das Gleiche gedacht, was man eben darunter versteht: "sich locker und thematische Festlegung zu unterhalten"
Ich habe es als eine Abwertung empfunden. Ich habe dich so wahrgenommen und zwar, dass du gesagt hast, die Gebärdensprache sei eine Plauderei. Und wenn man in Lautsprache redet, spricht man eben.

Vielleicht sollten wir klären, was wir meinen mit "sprechen". :)


Aufgewachsen bin ich in Bayern. Habe die Schule in München besucht. Und habe noch diverse Schule besucht. Und ulkigerweise war die Schule in München für mich die Beste. Ja, gehe am 10.Juni ab von der Schule und zwar von der RWB Essen. Habe keine Lust mehr und auch keine Motivation mehr, weiter in dieser Schule hocken zu müssen. Zumal auch, dass viele Lehrer nicht mal richtig gebärden können, obwohl diese Schule die grösste Europas ist. Was für eine Ironie! Beinahe bühnenreif für ein MonthyPython-Show. :)

Die heutige Gehörlosengeneration ist nicht wie die alte aus den 70ern bis 90ern. Ich kenne auch viele Gehörlose, die schon für eine lange Zeit weg aus Deutschland waren. Da wäre der Stefan Goldschmidt mit seinem einjährigen Aufenthalt in den USA, oder der bekannte aber leider verstorbene Tom Bierschneider in seinem wildumtriebenden Tramptour. Oder jüngst der 1.Jugendvorsitzender der Deutschen Gehörlosen Jugend, welcher noch auf der Reise ist quer durch Indien.

Um wirklich uns Gehörlosen verstehen zu können und um die Missstände, die vor allem von hörenden "Pseudo-Meinungsträgern" verursacht worden sind, wirklich begreifen zu können, sollte man sich die Mühe geben, in die Gehörlosenwelt einzutauchen, auch, wenn man am Anfang erst auf Ablehnung stossen mag. Noch zuviele falsche Bilder stecken in den Köpfen der Ahnungslosen. Nur die wirklich und wahrhaftig für alles offenseiende Leute werden es blicken können... Die Ironie ist: Die Barriere kommt aus der Mehrheit...

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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von Massi » 30 Mai 09 0:19

al-iksir hat geschrieben:Hallo,

mich würde interessieren, warum oder inwiefern man an einem Text erkennt, dass er von einem Gehörlosen geschrieben wurde und nicht von einem Hörenden. Als Laie auf diesem Gebiet hätte ich keinen Unterschied erwartet.

Grüße,
al-iksir.

Hallo Al-iksir ( ist es dein richtiger Name?) ,

würdest du erkennen, wenn ein Immigrant, der eine andere Sprache spricht, dessen Sprachwelt anders ist und einen gewissen Unterschied hat in der Basis? Also würdest du sie erkennen anhand gewisser Merkmale, das aufgrund der Sprachunterschied kennzeichnend ist. Zwischen die Lautsprache und der Gebärdensprache. Während die Lautsprache auditiv basiert ist und die Schriftsprache der Lautsprache ziemlich nah ist, ist die Gebärdensprache visuell basiert und von der Schriftsprache abweichend, weil nicht wie die Lautsprache ähnlich aufgebaut ist.

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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von Brigit » 30 Mai 09 0:59

Hi Massi

kannst du das Letzte bitte nochmals auf Deutsch erklären? Denn ob Laut- oder Gebärdensprache.. jetzt hab ich garnix verstanden ;-)

LG Brigit
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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von al-iksir » 30 Mai 09 1:24

Hallo Massi,
Massi hat geschrieben: Hallo Al-iksir ( ist es dein richtiger Name?) ,
Nein, al-iksir ist nicht mein richtiger Name, sondern ein Pseudonym, das ich verwende, seit für mich Internet existiert. Ist Massi dein richtiger Name?
würdest du erkennen, wenn ein Immigrant, der eine andere Sprache spricht, dessen Sprachwelt anders ist und einen gewissen Unterschied hat in der Basis? Also würdest du sie erkennen anhand gewisser Merkmale, das aufgrund der Sprachunterschied kennzeichnend ist. Zwischen die Lautsprache und der Gebärdensprache. Während die Lautsprache auditiv basiert ist und die Schriftsprache der Lautsprache ziemlich nah ist, ist die Gebärdensprache visuell basiert und von der Schriftsprache abweichend, weil nicht wie die Lautsprache ähnlich aufgebaut ist.
Den Unterschied zwischen der Sprache eines Immigranten (der erst vor kurzem eingewandert ist) und eines Muttersprachlers würde ich wohl erkennen, ja. Vielleicht habe ich in diesem Fall eine Fehlannahme getroffen, nämlich dass Gehörlose, die zB in einem deutschsprachigen Land aufwachsen, selbstverständlich die Gebärdensprache erlernen, aber auch deutsche Bücher/Literatur lesen - und dass sie durch Lesen sich die deutsche Sprache vertraut machen, und dann im Schriftlichen kein Unterschied zu jemandem zu erkennen ist, der nicht gehörlos ist. Aber da habe ich mich wahrscheinlich geirrt.

Grüße,
al-iksir.




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Massi
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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von Massi » 30 Mai 09 12:53

Hallo Al-iksir,

also normalerweise kann jeder die deutsche Schriftsprache.

Aber da in der Gehörlosenpädagogik zuviele schlechte Leute sind,
und der Unterricht meistens nicht in der Sprache der Gehörlosen durchgeführt wird, entstehen da Defizite. Und dazu muss ich auch noch erwähnen, dass im Schulprogramm (deutschlandweit) nicht mal ein (verpflichtendes) Fach mit dem Thema "DGS-Deutsche Gebärdensprache" existiert, was ich für wichtig erachte! Weil dadurch erreicht werden kann, zwischen der deutschen Schriftsprache und DGS unterscheiden zu können. Weil es typisch ist für den Gehörlosen, in Schrift die Grammatik der DGS zu übernehmen. Aber wie gesagt, die Gehörlosenpädagogen sind immer noch zu langsam...

Der kognitive ( ich hoffe, den richtigen Begriff zu verwenden... ) Struktur ist durch die visuelle Bearbeitung primär auf einer sogenannten bildlichen Denkweise aufgebaut. Bei den Leute, die hören, ist es eben anders. Bei ihnen wird auf einer, von mir sogenannten, auditiven Denkweise die Begebenheit verarbeitet. Und durch den Einfluss von eben solcher auditiven Denkweise, die vor allem im Unterricht verwendet wird, können Defizite entstehen, weil keine entsprechende Brücke aufgebaut worden ist.

Und das bedeutet, dass die Gehörlosen einer doppelten Belastung ausgesetzt sind. Das sich auch auf die Bildung auswirkt. Also wollen viele nicht mal durch den Einfluss von Belastung Bücher lesen, sondern nur noch in der eigenen Welt sein.

Ist ein wenig ähnlich wie bei den Immigranten. Nur ist unsere Sprache eine völlig andere.

Hier einige Auszüge aus der Homepage vom Deutschen Gehörlosen Bund:

"Gebärdensprachen sind eigenständige, vollwertige Sprachsysteme, die Gehörlose in ihren verschiedenen nationalen und regionalen Gehörlosengemeinschaften untereinander ausgebildet haben. Anders als die akustisch-auditiv verfahrenden Lautsprachen werden die Gebärdensprachen visuell-motorisch realisiert. Sie sind nicht mit den nonverbalen Kommunikationsmitteln Hörender identisch (Körpersprache), sondern ausdifferenzierte Zeichensysteme, die über ein umfassendes Lexikon und eine komplexe Grammatik verfügen."

"Für die Kommunikation unter Gehörlosen gelten die folgenden allgemeinen Bedingungen:

* Die Verständigung folgt anderen als den in der Lautsprache üblichen Konventionen bzw. grammatischen Regeln.
* Das gesamte sichtbare Ausdrucksrepertoire des Körpers (Hände, Arme, Oberkörper, Kopf, Gesicht) wird ausgeschöpft.

Mitteilungen sind vorzugsweise visuell eindeutig und prägnant. Die räumliche Dimension der körperlichen Darstellung spielt dabei eine besondere Rolle."

"Die innerhalb der deutschen Gehörlosengemeinschaft gewachsene Gebärdensprache folgt eigenen Regeln, die sich von den Regeln der gesprochenen deutschen Sprache deutlich unterscheiden. Im Mittelpunkt der gebärdensprachlichen Verständigung stehen die Gebärden, die konventionellen Handzeichen Gehörloser also, aber auch Mimik, Körperausdruck und tonlos gesprochene Wörter sind von großer Bedeutung. Gebärden werden zu Folgen und Sätzen verknüpft, die eine ganz andere Reihenfolge und einen ganz andern Aufbau haben als bedeutungsgleiche Sätze der Lautsprache. Satzarten (Aussagesätze, Fragen, Befehlssätze) werden mimisch markiert. Beziehungen zwischen Satzteilen (Subjekt, Objekt) werden durch die Ausführungsrichtung der Verbgebärde gekennzeichnet. Personen und Objekte werden im Gebärdenraum platziert und stehen für weitere Bezugnahmen zur Verfügung. Räumliche Verhältnisse werden durch eine analog räumliche Darstellung der Hände wiedergegeben. Der Bewegungsaspekt vieler vorgangsbezeichnender Gebärden kann modifiziert werden, um die Verlaufsweise eines bestimmten Vorgangs zu charakterisieren."

+

"Als gehörlos werden Personen bezeichnet, die hörbehindert sind und vorwiegend in Gebärdensprache kommunizieren. Wegen der Hörbehinderung können sie nur bedingt auf natürlichem Wege sprechen lernen. Für Außenstehende kann ihre Sprechweise daher oft fremd klingen und kann schwer zu verstehen sein."

"Das sogenannte „Mundablesen" führt häufig zu Missverständnissen, denn nur etwa 30% kann abgesehen, aber 70% muss erraten werden.

Untereinander verständigen sich Gehörlose in der Regel in der Deutschen Gebärdensprache, einem visuellen Sprachsystem mit eigener Grammatik. Die Gebärdensprache ermöglicht Gehörlosen eine entspannte und verlässliche Kommunikation. Diese Sprache ist aber noch mehr: Sie bildet die Grundlage einer eigenen Sprachgemeinschaft und Kultur, zu der sich auch Hörende, die die Gebärdensprache beherrschen, zugehörig fühlen."


PS: Massi ist mein Spitzname. :)

Luther
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Erfahrungen mit Gehörlosen?

Ungelesener Beitrag von Luther » 31 Mai 09 22:17

Hallo,

nachdem die Mails zu diesem Thema immer länger geworden sind, will ich versuchen, mich kürzer zu fassen. Wer sich für die Problematik von Hörschädigung als solcher interessiert, kann das unter http://www.gehoerlosen-bund.de/ und unter http://www.schwerhoerigen-netz.de tun. Eine vielseitige private Seite ist auch http://www.taubenschlag.de. Auf allen dreien gibt es viele Links zu weiteren WebSites zu dem Thema.

Wenn Du, Massa, den Gehörlosenunterricht generell als schlecht bezeichnest, stimme ich Dir voll zu, ganz besonders, was die Vergangenheit angeht. Aber das hat sich gebessert, weil Gebärdensprache jetzt nicht mehr verpönt ist, sondern eingesetzt wird. Die Regierung bezahlt auch Gebärdenkurse für Lehrer. Bedauerlich ist aber, auch da stimme ich Dir zu, dass Gebärdensprache nicht als Fach unterrichtet wird. Noch schlimmer finde ich aber, dass aus finanziellen Gründen jetzt wieder zurückgedreht wird: Weil die Schülerzahlen generell zurück gehen, die Zahl gehörloser und schwerhöriger noch mehr, legt man (jedenfalls in Niedersachsen) Schwerhörigen- und Gehörlosenklassen zusammen und feiert das als "Integration". In Wirklichkeit geht es darum, Geld zu sparen. Dabei werden beide Seiten benachteiligt, die Gehörlosen ebenso wie die Schwerhörigen.

Deine Kritik, bzw. die Deiner Freundin, speziell an der Braunschweiger Schule, muss ich aber zurückweisen. Als die Schule 1998 aus finanziellen Gründen mit der in Hildesheim zusammen gelegt werden sollte, haben Eltern und Schüler dagegen massiv protestiert und demonstriert – und gewonnen. Wie gut kennt Deine Freundin die Braunschweiger Schule, wie gut kennt sie die anderen, wie kommt sie zu der Meinung? Wenn Du mir das sagen willst, schreib mir doch per pm, damit das Thema hier zu Ende kommt. Ich schätze die Arbeit der meisten meiner Kollegen, aber es gibt auch einige totale Versager dazwischen. Wer einen solchen zum Lehrer hatte, empfindet natürlich die ganze Schule als schlecht – aber das gilt sinngemäß für jede andere Schule auch.

Ich habe einige Beiträge höher gesagt, dass ich es schon in meiner Probezeit vor Aufnahme des Aufbaustudiums schockierend fand, dass die Lehrer von Gehörlosenklassen keine Gebärdensprache konnten, obwohl ich den theoretischen Hintergrund nicht kannte. Du hast zurück gefragt, was ich mit "theoretischem Hintergrund" meinte. Nun, ich kannte die Hörgeschädigtenpädagogik noch nicht, nicht ihre Geschichte, insbesondere nicht die Einstellungen zur Gebärdensprache, die Ablehnung als "Affensprache", aber auch nicht die Bemühungen von Prillwitz und anderen, hier eine Änderung zu erreichen. Das alles habe ich zusammenfassend "theoretischen Hintergrund" genannt.

Wenn Du, Birgit, sagst, dass Dein Freund gehörlos geboren ist, aber trotzdem verständlich sprechen kann, dann muss ich sagen, er ist nicht nur ungewöhnlich, er ist ein Genie. Das Problem für gehörlos Geborene ist doch, dass sie Sprache nie gehört haben. Wie hört sich ein a an, wie ein f, ein h, ein s, ein sch, usw.? Und wie erzeugt man diese Laute selbst? Da gibt es Zeichnungen von durchgeschnittenen Köpfen, in denen dargestellt wird, wie der Gaumen, die Zunge, die Zähne und die Lippen gestellt oder geformt werden müssen. Und dann sitzt man mit dem Kind vor einem langen Spiegel, in dem wir uns beide sehen können, das Kind meinen Mund und seine Bewegungen sieht, ebenso seinen eigenen Mund, und nachmachen soll, was ich vormache. Nötigenfalls greift man ihm mit dem Finger in den Mund, um die Zunge in die richtige Position zu bringen. Und dann gibt es noch Tricks: Wenn man z. B. das r übt, stellt man sich vor ein Wasserbecken und gibt dem Kind einen Schluck Wasser in den Mund, macht ihm vor, was Gurgeln ist. Und dann soll es das Wasser ausspucken und ohne Wasser weiter gurgeln. So entsteht der Laut r.

Hinzu kommt noch, dass ein Gehörloser, selbst wenn er superintelligent und außerdem motorisch geschickt ist, nie eine Selbstkontrolle über das hat, was er da spricht. Wir Hörenden, das geschieht unbewusst, hören ja, was wir sprechen. Leute, die im Erwachsenenalter durch Unfall oder Krankheit gehörlos werden, nehmen an Sprechkursen teil, damit ihre Aussprache nicht immer verwaschener und unverständlicher wird. Gehörlose, und insbesondere gehörlos Geborene, sprechen in der Regel, wenn überhaupt, sehr undeutlich, guttural, abgehackt, und mit falscher Betonung. Wenn Leute, die er anspricht, sein Problem nicht kennen, wirkt das auf sie, als sei er irre oder betrunken, deshalb gehen sie auf Abstand zu ihm. Da das beleidigend wirkt, führt es dazu, dass viele Gehörlose, selbst wenn sie ein wenig sprechen können, gar nicht wagen, das zu tun.

Deine Frage, Birgit, und auch die von Dir, al-aksir, wie ich am Vorstellungsbeitrag von Massi erkennen konnte, dass er gehörlos ist, hat Massi schon beantwortet: Die Grammatik der Gebärdensprache ist anders als die unserer gesprochenen Sprache, und Gehörlose tragen sie oft in die Schriftsprache hinein. Im In Massis Vorstellungsbeitrag waren es aber nur winzige Hinweise, aber ich habe ja schon gesagt, dass er ein ungewöhnlicher Gehörloser ist. Wenn er das zurückweist, ist das einerseits Bescheidenheit, liegt aber auch daran, dass er als Fachabiturient zwar zu einer Minderheit unter den Gehörlosen gehört, sich aber mit vielen ähnlich Begabten in einem Umfeld befindet, wo er sich nicht als ungewöhnlich sieht. Ich denke, dass Ihr die Hinweise, nach dem Vielen, das hier inzwischen geschrieben wurde, auch schon erkennt.

Uff, jetzt ist das doch wieder länger geworden, sogar viel länger, als ich dachte und wollte. Lasst uns aber darauf zurückkommen, dass dies hier ein Reiseforum ist, und lest Fachfragen unter den o. a. Links nach. Wenn Ihr aber eine Frage habt, die Ihr von mir persönlich beantwortet haben wollt, mailt mich doch bitte per pm an.

Gruß
Luther

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