Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Worüber man in der Welt-Reise-Community so spricht / sprechen sollte, wo Du Reisethemen diskutieren, von Deinem Fernweh daheim oder Heimweh unterwegs berichten - oder auch außerhalb Deines Vorstellungsbereichs einfach mit anderen Mitgliedern der Weltreise-Community "labern" kannst... (Keine Reise-Infos hier!)
Hier:
Ob als Urlauber oder Hardcore- Traveler: Reisen bildet und ändert das Bewusstsein. Freier Austausch unter Betroffenen.
Hier im Plauderbereich der Reisecommunity aber bitte KEINE konkreten Reiseinfos fragen oder posten, denn die gehören einzelthematisch in den Reise-Info-Pool. sodass sie als Sachthemen ergänzbar, aktualisierbar und für andere hilfreich findbar bleiben. Danke!
chrisf
Kiebitz
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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von chrisf » 23 Mai 12 20:51

Hallo zusammen,
bin neu hier im Forum;)

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit meiner Langzeitweltreise bei der ich wohl hauptsächlich durch sehr ärmliche Gegenden reisen werde.

In diversen Reiseberichten lese ich von den teilweisen schrecklichen Lebenszuständen und der Hilf- und Machtlosigkeit der Reisenden.

Ich weiss es ist vermutlich ziemlich Naiv zu denken dass man alleine und in sehr kurzer Zeit etwas ändern kann.
Doch mir geht es eigentlich darum das ich nicht einfach immer nur irgendwelches Zeug (Süssigkeiten) verschenken will, sondern etwas machen will von dem sie auch etwas länger davon haben.

Sei es zum Spass für die Kinder wie irgendwelche Spielzeuge bauen, "ärtzliche" Unterstützung, oder sonstige Dinge die nicht nach wenigen Sekunden wieder Vergangenheit sind.

Natürlich kann man nicht jedem helfen, aber vieleicht denen, die man etwas näher kennen lernt.


Habt ihr schon mal solche Erfahrungen gemacht, oder Ideen, Einwände was auch immer?

Grüsse
Christian

Fritzli
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Beiträge: 36
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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von Fritzli » 24 Mai 12 20:08

das hängt natürlich davon ab, wohin du reisen willst.

Wenn du nachhaltig helfen willst, dann ist das Vorgehen meiner Meinung nach etwa so: schaue zuerst, was die tieferliegende Ursache ist. Dann wirst du auch schnell sehen, wie du nachhaltig helfen kannst.

Beispielsweise wenn du in einer Region reist, in der das Land durch ein paar europäische oder amerikanische Konzerne ausgebeutet wird und für die Einheimischen nur der (vielleicht giftige oder strahlende) Abfall übrig bleibt, dann wäre nachhaltig ...... mhh, das ist wohl eine Nummer zu gross.

Wie wäre es damit: dort wo die Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Wasser hat, vielleicht weil europäische Multis dort alle Rechte für das Trinkwasser aufgekauft haben und das Wasser nun der Bevölkerung verkauft, ...... mhhh, nehh, das geht auch nicht einfach so.

Fehlende Arbeitsplätze, ..... fehlende medizinische Infrastruktur, ..... von ihrem angestammten Land verjagte Ureinwohner, .... mangelnde Ausbildung, ........ mafiose Wirtschaftssysteme ... Ach, es gibt so viele Ursachen der Armut. Wenn man da wirklich nachhaltig helfen will, geht das wohl nicht im Alleingang und so schnell beim "Vorbeireisen".

Danny Machu
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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von Danny Machu » 25 Mai 12 2:14

Eins ist mal ganz klar: Du hilfst niemandem nachhaltig, wenn du eine Weltreise machst.

Wie stellst du dir das vor ? 4 Wochen dort, 4 Wochen dort und vielleicht 2 Wochen da.. und überall wo man war den Lebensstandart angehoben zu haben ?
Wenns dir wirklich ernst ist mit der Nächstenliebe und wenn du irgendwo wirklich was bewirken willst, dann musst du dich ganz klar auf eine Region konzentrieren.
Ist das vereinbar mit deinen Wünschen einer Weltreise ?

Sei dir im klaren, dass "etwas zu bewerken" sehr sehr sehr viel Zeit und Energie brauch. Das ist definitiv nichts, was man so nebenbei macht. Wenn dir das Süßigkeitenverschenken zu sinnlos ist, sehe ich keine andere Wahl als sich langfristig irgendwo abzusetzen.

Auf einen Egotrip würde ich aber verzichten.. geh nicht in irgendein schlimmes Gebiet und präsentier dich nicht dort als Heiland, der als Europäer den Wehleidigen helfen möchte.

Such dir eine Organisation, die sich bereits gegen schlimme Zustände einsetzt und unterstütz diese.

----

So wie ich das verstehe möchtest du eine Weltreise machen und dabei einen Kulturschock erleben, der es in sich hat. Prinzipiell nichts schlechtest.. du lernst ne ganz neue Seite unserer Welt hautnah kennen. Ich kann dir wirklich nur raten dich nicht emotional an irgendwas zu binden.. du bist auch nur ein Mensch wie jeder andere von uns auch.. nehme ich jetzt einfach mal an. Solange du keine Millionen auf der hohen Kante liegen hast, kannst du in der dritten Welt nur etwas durch 101% Einsatz und totale Identifikation mit der Sache verändern.

Werde dir bewusst, dass du in unserer Realität lebst. Durch besonders viel guten Willen kann man leider garnichts bewirken. Wenn es so wäre, gäbe es sicherlich viel weniger Leid auf der Welt.

Es gibt absolut und ohne Diskussion nur 2 Möglichkeien etwas langfristig zu verbessern: Pumpe Millionen in Dritte Welt Regionen.. oder verschreibe dein Leben dem Aufbau solcher Regionen.
Langfristig erreichst du ansonsten garnichts.

Ich möchte dich aber noch fragen: Was ist so schlimm daran Kindern Süßigkeiten zu schenken ? Ich glaube du kannst dir gut vorstellen in welchen Verhältnissen Kinder in der letzten Armut leben.. was meinst du wie die sich freuen würden, wenn ein Fremder vorbei kommen würde und ihnen was aus dem Rucksack schenkt und vielleicht ein wenig mit ihnen Fußball, Cricket oder sonst was spielt ?
Was für dich als totale Nichtigkeit erscheint, ist für diese Kinder etwas total unnormales und überragendes.
Glaub mir.. Menschen die nichts haben sind sehr froh, wenn sie was bekommen.. obs nun ne Millionen ist oder nur eine Süßigkeit, spielt keinen großen Unterschied in der Freude dieser Menschen.

Ich habe leider keine wirkliche Erfahrung, es ist aber der wirklich beste Rat, den ich geben kann, dass du bereits mit wenig zufrieden sein musst. Du bist kein Gott, nicht Obama und auch nicht Superman.. erwarte nicht zu viel von dir selbst.
Gib dich mit Kleinigkeiten erstmal zufrieden.. damit schaffst du es wenigstens, dass Menschen in schlechten Verhältnissen wenigstens für eine kurze Zeit fröhlich sind.. reicht das denn nciht fürs erste ?

Mach dir keine Gedanken darüber wie du diesen Menschen auch noch langfristig helfen kannst, wenn du nicht bereit bist ihnen dein Leben zu verschreiben.

Wie gesagt.. wenn du dazu bereit wärst, streich die Weltreise und man müsste wieder von vorne reden..

ansonsten.. bleibt nicht viel.

Liebe Grüße!

Daniel

Wwoofy
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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von Wwoofy » 27 Jun 12 12:14

Viele "Arme" sind auch glücklich und brauchen dazu nicht viel.
Die können unsereins helfen, unser anmanipuliertes vom Reichtum abhängiges Wertegefüge von einer anderen Warte aus besser zu hinterfragen. :idea: ;)

jot
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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von jot » 27 Jun 12 22:58

chrisf hat geschrieben:Doch mir geht es eigentlich darum das ich nicht einfach immer nur irgendwelches Zeug (Süssigkeiten) verschenken will, sondern etwas machen will von dem sie auch etwas länger davon haben.

Sei es zum Spass für die Kinder wie irgendwelche Spielzeuge bauen, "ärtzliche" Unterstützung, oder sonstige Dinge die nicht nach wenigen Sekunden wieder Vergangenheit sind.
Solange man nicht wirklich Ahnung von den Dingen hat (also z.B. ausgebildeter Arzt ist), sollte man denke ich besser die Finger von lassen. In einigen Reiseführern zu bestimmten Ländern wird mittlerweile davor gewarnt der lokalen Bevölkerung mit Medikamenten-Spenden etwas gutes tun zu wollen, weil die dann völlig falsch angewendet oder gezielt missbraucht werden.

Ich stimme MachuPikachu eingeschränkt zu, eine Weltreise wird vor allem aus Eigeninteresse gemacht und nicht um die Welt zu verbessern... aber man kann natürlich trotzdem versuchen, ein paar positive Impulse zu setzen. Am meisten hilfst du den Leuten, wenn du vor Ort Geld für ihre Produkte und Dienstleistungen ausgibst - wenn Produkte, dann Dinge die sie auch vor Ort produzieren. Also keine importierte Coca Cola und Frühstücksflocken, sondern ortsübliche Getränke und Speisen. Wenn du eine Dienstleistung buchst (z.B. einen Guide), dann auch besser vor Ort - bei Vorabbuchung aus der nächstgrößeren Stadt (oder noch schlimmer: aus Deutschland) bleibt sehr viel Geld bei den Vermittlern hängen... in N epal haben wir von einem Päärchen (und ihren Guides) erzählt bekommen, dass sie nicht einmal 20% der Summe, die das Päärchen über Vermittler bezahlt hat, erhalten.

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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von MArtin » 03 Sep 12 11:06

Wir versuchen vor allem, unsere Erfahrungen und Kenntnisse weiter zu geben, wenn wir sehen, dass sie gerne angenommen werden und sie irgendwie helfen könnten, z.B. um vor Ort eine Dynamik in Gang zu setzen. Meist betrifft das Einzelpersonen, die wir unterwegs treffen und zu denen sich eine tiefere Beziehung entwickelt.
Hilfe ohne Zeit bzw. Kenntnisse der Verhältnisse vor Ort bleibt u.E. nach eher illusorisch, da ist nichts Nachhaltiges zu erwarten.
chrisf hat geschrieben:Habt ihr schon mal solche Erfahrungen gemacht, oder Ideen, Einwände was auch immer?
Da haben sich ja nun einige erfahrene Mitglieder Gedanken zu Deiner Frage gemacht und sich die Zeit genommen, sie Dir zu schreiben. 8)
Was sind denn Deine Ideen dazu inzwischen?

chrisf
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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von chrisf » 03 Sep 12 23:40

Vielen Dank erstmal für die Antworten.

Ich habe mir selbst noch keine Antwort geben können, da ich mir noch selbst nicht im klaren bin wie ich reisen soll, bzw. was ich dabei machen will.
Ich denke am sinnvollsten wäre es bei einer lokalen Hilfsorganisation oder Schule zu helfen.

Mir ist klar, dass es ein sehr sehr kleiner Tropfen auf den heissen Stein ist, doch eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.
Ausser ich würde es als mein "Lebensaufgabe" nehmen, so könnte man vieleicht etwas mehr erreichen. Doch das möchte ich auch wieder nicht.

Kleine Dinge um eine Freude zumachen, habe ich diverse Ideen, wie z.B Fotos schenken, Zeichnungen der Personen machen (Der Kunstlehrer bei mir an der Kunstschule meint das begeistert stark ;D) , spielen und quatschen... usw, aber das ist ja nicht das schwierige.

Ich glaube ich kann dazu für mich selbst erst eine Antwort geben während bzw. nach der Reise für die nächste.

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Antje&Philipp
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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von Antje&Philipp » 01 Nov 12 13:54

Danke Daniel aka Machupikachu für deinen Kommentar! Stimme ihm absolut mit ihm ein; Wenns dir wirklich ernst ist mit der Nächstenliebe, dann beginn in deinem Umfeld, in deinem Land, deiner Region und am besten gleich bei dir selbst! Und gewisse Dinge müssen wir wohl einfach lernen anzunehmen. Wenn es Menschen ökonomisch gesehen nicht gut geht heisst das nicht automatisch, dass diese Menschen ein "schlechteres" Leben haben. Das ist eine sehr tükische Denkweise!!!

Meiner Erfahrung nach bist du die ersten Monate in einer solch gegensätzlichen Kultur sowieso hauptsächlich mit dir beschäftigt und nur eine mässige Hilfe für die Bedürftigen.....

lang Rede kurzer Sinn: Schau, dass du zuerst mit dir selbst ins Reine kommst und dann kannst du auch etwas zurückgeben.

oder in anderen Worten..

be the change that you want to see for the world. (gandhi)

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mahimahi
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Reisend nachhaltig den Armen helfen - Wie?

Ungelesener Beitrag von mahimahi » 02 Nov 12 7:15

Auch ich kann MachuPikachu ohne Einschränkung zustimmen.

Herausgreifen möchte ich den Gedanken, sich einer Organisation anzuschliessen - international, so dass man in mehreren Ländern mithelfen kann - oder lokal, was vielleicht einfacher und direkter ist. In jedem Fall bürgt eine gute Organisation, die sich langfristig und gezielt engagiert, für Nachhaltigkeit.

Als Reisender kann man dann jederzeit und an jedem Ort sein Scherflein dazu beitragen. Jede Organisation ist idR dankbar für Freiwillige und Helfer. Als Reisender wirst du allerdings dann vielleicht nicht immer in den Genuss kommen, ein "langfristiges" Ergebnis deiner Arbeit zu erleben, da du schon wieder unterwegs bist. Aber es hilft vielleicht, deine Arbeit in guten Hönden zu wissen.

Eine andere Art von Hilfe ist es vielleicht, einfach ein "guter Reisender" zu sein. Zeige Respekt, Demut und versuche zu verstehen. Sei freundlich und offen. Teile, was du hast oder gib, was du nicht brauchst. Biete Hilfe an - deine Fähigkeiten, Fertigkeiten und dein Wissen: arbeite mit, repariere, hilf, lehre (und lerne).

Wenn das jeder einzelne Reisende tun würde, wäre dann nicht der Effekt riesengross? Auch wenn du nur ein kleines Rädchen im Getriebe bist - auch du musst dich drehen, damit sich andere mitdrehen.

Gute Reise!
Manche Leute sollten einfach besser zuhause bleiben!
(Mahimahi findest du hier.)

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