Toxisches Schock Syndrom: Kleine Wunde - große Folgen

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Lohas
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Toxisches Schock Syndrom: Kleine Wunde - große Folgen

Ungelesener Beitrag von Lohas » 24 Apr 10 17:29

Astrid & MArtin haben in einem anderen Thread das Thema bereits angeschnitten und ich möchte hier auch noch einmal mit meiner Geschichte zur Vorsicht warnen.

Eins vorweg, was mir passiert ist, ist sehr selten und ich will keine Panik verbreiten, sondern nur mal erzählen, wie ein worst-case-Szenario ablaufen kann und wie die Symptome waren.
Ich mache mir selbst nun keine Vorwürfe, würde beim nächste Mal aber anders und schneller reagieren.

Medizinisch formuliert kam es durch eine Streptokokken-Infektion zum Toxic-Schock-Syndrom, welches ein Multi-Organ-Versagen ausgelöst hast. Die Streptokokken, die ich mir eingefangen habe, waren unglücklicherweise toxin-bildenden und multiresistent, was wie gesagt, nicht so häufig vorkommt.
Es handelt sich nicht wirklich um ein rein tropische Erscheinung, so dass das alles rein theoretisch überall passieren hätte können. In den Tropen sei es lediglich etwas wahrscheinlicher.
(Hört sich alles vage an, aber mehr war aus meinen Ärzten nicht rauszubekommen, die immerhin drei Wochen lang in meinem Blut nach Ursachen gesucht haben).
Die Infektion kam aller Wahrscheinlichkeit durch eine Blase an der Ferse (alternativ durch eine kleine Wunde eventuell vom Rasieren o.ä.).
Desinfiziert hatte ich die Blase natürlich auch, aber trotzdem war ich im Meerwasser, Quellwasser etc. und damit in verunreinigtem (also nicht sterilen) Wasser, wo man sich nun mal so einiges ein
einfangen kann.

Angefangen hat es bei mir damit, dass ich morgens beim Frühstück einfach ohnmächtig wurde. Ich dachte mir nichts dabei, habe mich geschont und in den Schatten gelegt.
Am nächsten Tag kamen hohes Fieber und Schüttelfrost, sowie unglaubliche Gliederschmerzen dazu.
Als ich am Tag danach ins Inselkrankenhaus (T ioman/West-M alaysia) ging, konnte ich nur noch wenige Meter ohne Pause laufen. Im Krankenhaus wurde mein Fieber (über 40) dadurch runtergebracht, dass man mich zwei Liter Elektrolyt-Lösung trinken ließ und mir Paracetamol gab.
Nach drei Stunden konnte ich mit einer Packung Parcetamol gehen, von denen ich alle 5 Stunden 2 x 500mg nehmen sollte.
Die Ärztin meinte, es könnte Dengue sein, aber sie könne keine Tests machen und ich soll noch mal kommen, wenn es nicht wieder besser wird.
Diesen Tag und die Nacht ging es mit den Tabletten einigermaßen, aber am morgen danach war ich schon völlig kurzatmig und zu nichts mehr in der Lage.
Am nächsten Tag kam Durchfall und innerhalb kürzester Zeit ein schlimmer Hautausschlag an den Unterschenkeln dazu, der mich dann doch ziemlich beunruhigt hat und weshalb ich wieder ins Krankenhaus bin.

Mein Allgemeinzustand war da schon so schlecht, dass mich die Ärztin für flugunfähig erklärt hat (ich wollte einen Tag später nach KL in ein richtiges Krankenhaus fliegen).
Also wurde ich mich zwei Sanitätern und Flüssigkeitstropf auf die Fähre nach M ersing gebracht.
Dort im Krankenhaus war man ebenfalls mit meinem Zustand überfordert und stabilisierte mich nur für den zweistündigen Transport nach Johor Bahru.
Das erste Krankenhaus dort (öffentlich) stabilisierte mich noch einmal (mittlerweile mit vier Zugängen an Händen und Füßen für die Flüssigkeitszufuhr) und konnte nichts weiter tun, da auf der Intensivstation kein Bett frei war.
Nach einem weiteren Transport landete ich schließlich im Johor Specialist Hospial, einer Privatklinik.

Noch immer ging man von der Falsch-Diagnose Dengue aus, da alle Symptome gepasst haben.
Mein Zustand wurde aber schlechter. Leber und Niere versagten, ich atmete 50 mal pro Minute, hatte eine Hirnhautentzündung und war kaum ansprechbar.
Nach vier Tagen, in denen ich haufenweise Plasma- und Bluttransfusionen bekam, an die Dialyse angeschlossen wurde und keine Ahnung was sonst noch, gaben die Ärzte mir noch eine 30%-Chance die Nacht zu überleben.

An dem Abend noch wurde ich deshalb nach S ingapur in das Mount Elizabeth Hospital verlegt, was mir das Leben gerettet hat.
Dort lag ich noch einmal zwei Wochen auf der Intensivstation, bekam aber endlich die nötigen Antibiotika.
Weitere zwei Wochen dauerte es, bis ich als flugfähig erklärt wurde (mein Herz war nur mit Beta-Blockern knapp auf unter 100 zu bringen) und mit Arzt-Begleitung ausgeflogen werden durfte.

In Deutschland lag ich erst nur noch fünf Tage im Krankenhaus und wurde dann entlassen.
Musste aber am nächsten Tag mit Helikopter im praeseptischen Zustand wieder eingeflogen werden, da eine Entzündung in meinem Zeh, den Stein fast noch einmal zum rollen gebracht hätte.
Also noch mal Intensivstation in Deutschland für neun Tage und zwei weitere Wochen auf der Normalstation.

Die Folgen des Ganzen:
Für meine Organe insbesondere das Herz glücklicherweise keine Langzeitschäden. Man merkt Leber und Niere an ihren Werten noch an, wo sie durch mussten und auch mein Ruhepuls ist noch nicht da, wo er hingehört, aber das wird alles wieder.
Durch meinen schlechten Allgemeinzustand haben sich aber bereits in M alaysia Mini-Thromben in den Zehen und Fingerspitzen gebildet, so dass diese nicht mehr ausreichend mit Blut und somit Sauerstoff versorgt und schwarz wurden.
In den ersten Wochen konnte dem nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden, da es darum ging, mich außer Lebensgefahr zu bringen.
Hier in Deutschland hat man nun versucht zu retten, was zu retten ist und die Nekrosen so weit möglich abgetragen.
Am Donnerstag werden in einer OP aber doch die abgestorbene Teile amputiert, die nicht mehr zu retten waren. Das ist voraussichtlich eine Zehenkuppe links, zwei rechts und ein ganzer Zeh rechts :-(

Noch mal, was mir passiert ist, hatte mit einer Riesenportion Pech zu tun, aber Fakt ist, dass es durch eine einfache kleine Wunde angefangen hat.

Passt auf Euch auf und seid lieber einmal zu vorsichtig.

Lohas


PS: Das ganze ist nun sehr ausschweifend geworden, falls dennoch was fehlt, einfach fragen. Zur Abwicklung mit der Versicherung tippe ich demnächst noch einen eigenen Post.
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Ungelesener Beitrag von Offliner » 25 Apr 10 11:14

Es gibt übrigens einen Wikipedia-Artikel zu dem Thema:

http://de.wikipedia.org/wiki/Toxisches_Schocksyndrom

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Kleine Wunde - große Folgen (Toxic-Schock-Syndrom)

Ungelesener Beitrag von Lohas » 25 Apr 10 12:41

Wie der Wikipedia-Artikel sagt, ist meine Infektion eher selten, aber auch andere Keime in der Wunde können unangenehm enden.

Wichtig ist mir eben, dass ihr die Symptome kennt, die anfangs wirklich auch zu D engue passen und eine Falschbehandlung verursachen, wie es bei mir anfangs der Fall war.
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Kleine Wunde - große Folgen (Toxic-Schock-Syndrom)

Ungelesener Beitrag von Astrid » 26 Apr 10 1:28

Liebe Lohas :)

Vielen Dank, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, quasi als Warnung für Andere, den Verlauf des bei Dir aufgetretenen Streptokokken induzierten toxischen Schocksyndroms zu beschreiben.

Insgesamt gesehen ist das Streptokokken induzierte toxische Schocksyndrom (STSS), ebenso wie das durch Staphylokokken verursachte toxische Schocksyndrom (TSS) eine extrem seltene Erkrankung, aber eben auch die bedrohlichste Form einer so genannten invasiven Streptokokken- bzw. Staphylokokkeninfektion, die unbehandelt eine hohe Sterblichkeit aufweist.
Als Ursache der Erkrankung wurden bestimmte Exotoxine (so genannten Superantigene), die von den Bakterien produziert werden, identifiziert. Diese können z.B. durch eine Wundinfektion in den Körper gelangen, über eine unkontrollierte Aktivierung des Immunsystems den Körper in einen Schockzustand versetzen und zu den von Dir beschriebenen Symptomen führen.

Im Nachhinein betrachtet war der erste Ohnmachtsanfall vermutlich schon Ausdruck einer generalisierenden Infektion bzw. einer Überschwemmung des Organismus mit Toxinen.

Dennoch hätten auch wir in einem tropischen Land die erste Ohnmacht vermutlich erst einmal nach dem Motto: "Häufiges ist häufig - Seltenes ist selten" mit Flüssigkeitsmangel interpretiert - das Fieber, die Gliederschmerzen und selbst den Hautausschlag u.U. ebenfalls für Symptome eines Dengue-Fiebers gehalten....

Insgesamt hast Du bei allem Unglück auch ein Riesenglück gehabt!

Für Deine diese Woche anstehende und hoffentlich letzte OP drücken wir Dir ganz fest die Daumen:!:

Liebe Grüße
Astrid (& MArtin)
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Kleine Wunde - große Folgen (Toxic-Schock-Syndrom)

Ungelesener Beitrag von dieSteffi » 03 Mai 10 20:50

Danke Lohas

für deinen ausführlichen Bericht. Den werde ich jetzt immer im Hinterkopf haben.

Ich denke an dich und versuche möglichst viel Glück zu dir rüberzuschieben
deineSteffi
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