Weltreisemobil: Wieviel Allrad braucht der Mensch?

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Hildegard Grünthaler
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Weltreisemobil: Wieviel Allrad braucht der Mensch?

Ungelesener Beitrag von Hildegard Grünthaler » 12 Feb 05 16:32

Hallo Ihr Weltreisenden in spe,
in diesem Forum werden bis jetzt zwar nur Allrad-LKWs gesucht, aber vielleicht sind unsere Erfahrungen für den einen oder anderen doch von Interesse.
Wie Ihr in unserer Web-Seite nachlesen könnt, haben wir unsere Reise mit einem „normalen“ Wohnmobil unternommen, obwohl unsere Suche anfangs auch eher zu einem Allradfahrzeug tendierte. Das heißt, anfangs glich unser Wunschmobil eher der berühmten „Eier legenden Wollmilchsau“!
Es sollte:
1. Für die lange Reise komfortabel und wohnlich sein
2. Über eine Nasszelle mit Dusche verfügen
3. Einen geräumiger Alkoven haben
4. Über genügend Stauraum verfügen
5. Eine hohe Zuladung haben
6. Kompakt sein (notfalls sogar containertauglich, d.h. unter 20 Fuß), weil Verschiffungskosten nach Kubikmetern berechnet werden und ein bulliger Truck die Reisekasse extrem belastet!
7. Einen stabilen Aufbau haben
8. Gute Fahreigenschaften
9. Allradantrieb und Differentialsperren
10. Einen sparsamen Motor mit weltweitem Service haben
11. Und natürlich die Reisekasse nicht zu sehr belasten!!!


Die üblichen Rentner-Wohnmobile schieden wegen ihres windigen Styropor-Holzlattenaufbaus und der geringen Zuladung von ca. 300 kg von vorneherein aus.

Lange im Gespräch waren die japanischen Allrad-Pickups mit einer Aufsetzkabine von Tischer, Nordstar oder Bimobil. Auf den ersten Blick scheint diese Kombination alles zu bieten, was sich der Weltreisende wünscht. Leider ist die Zuladung mager und durch den extrem hohen Schwerpunkt ist das Fahrverhalten ganz sicher nicht optimal und sehr wahrscheinlich auch nicht pistentauglich. Ich bezweifle, dass das Basisfahrzeug unsere Reise durchgehalten hätte.

Wer es schafft, sich in punkto Geräumigkeit zu bescheiden und nicht vor täglichem Bettenbauen zurückschreckt, der ist ganz sicher mit einem jener kompakten Kastenwagen, die es ja auch mit Allradantrieb gibt, bestens bedient. Ein solches Gefährt ist relativ sparsam, wenn es ein Hubdach hat und deshalb nicht zu hoch ist, pistentauglich und kippstabil und passt evtl. sogar in einen Open-Top-Container. Mir persönlich waren sie aber ganz einfach zu eng!

Dann gibt es natürlich die geländegängigen LKWs von MAN, Mercedes usw. Und es gibt auch eine ganze Reihe von Firmen, die aus diesen LKWs Expeditionsmobile mit allen Schikanen machen. Die Preise bewegen sich in der Regel in etwa in Höhe eines gediegenen Einfamilienhauses, die Skala ist nach oben offen. Der Spritverbrauch dürfte je nach Basisfahrzeug bei mindestens 20 l liegen (auf Teer). (Wir wollten jedoch unser Haus nicht verkaufen, sondern nur vermieten und von den Mieteinnahmen leben!)

Ein ausgedientes Fahrzeug aus Bundeswehrbeständen zu kaufen und dann selbst auszubauen war bei uns nie Gesprächsthema, weil mein Mann – und ich ja sowieso – von Autos nicht sehr viel verstehen.

Ein ganz heißes Thema bis kurz vor Schluss war der Kauf eines amerikanischen Dodge Ram Pickups mit Zwillingsbereifung und Allradantrieb in Kombination mit einer kanadischen Wohnkabine von Bigfoot. Hohe Zuladung, Wohnkomfort und Allradantrieb – einziger Nachteil: der fehlende Durchstieg zwischen Fahrerhaus und Kabine. Im Notfall hätte man keine Fluchtmöglichkeit nach vorne!

Erst ganz zum Schluss kauften wir über eine Kleinanzeige aus zweiter Hand unseren Bimobil Sonderaufbau auf einem Merdcedes 410 Turbodiesel. Weil das Mobil gerade mal 40000 km auf dem Buckel hatte und mit allem ausgestattet ist, was sich ein Langzeitreisender fernab von Campingplätzen nur wünschen kann, einen stabilen Aufbau und stolze 1500 kg Zuladung hat, schlugen wir zu – obwohl das Fahrzeug keinen Allradantrieb sondern „nur“ Differentialsperren hat.

Nach knapp 100.000 Kilometern und 3 Jahren Reisedauer sind wir jedoch davon überzeugt, dass wir damals mit unserem Wohnmobil die richtige Entscheidung getroffen haben. Aus heutiger Erfahrung wissen wir, dass ein Allradantrieb aus einem Wohnmobil mit den Ausmaßen unseres Aufbaus (3,10 Höhe, 6,30 Länge, 2,27 Breite), das betrifft ganz besonders die Höhe des Alkovens, noch längst kein Off-Road-Fahrzeug macht. Wer in Australien den Cape York Track oder die Piste zu den Bungle Bungles befahren will, muss sich größenmäßig bescheiden. Selbst Fahrer bulliger Allradtrucks mussten am Cape York passen. Größer als ein VW-Synchro sollte das Off-Road-Mobil für Australien nicht sein. Auch wer die beliebten Unimogs zum Wohnmobil ausbaut, sollte auf hohe Alkovenaufbauten verzichten. Wir persönlich hätten es allerdings in einem derart kleinen Mobil keine drei Jahre ausgehalten.
Unser Sperrdifferential musste übrigens einige Male in Aktion treten, als wir uns am Strand und auf weichen Wüstenpisten festgefahren hatten!
Die von uns gewählte Kombination von Aufbau und Basis erwies sich als zuverlässig und stabil und steckte auch zahllose ungeteerte Straßen klaglos weg, wobei hässliche Wellblechpisten auch einem Allradfahrzeug zusetzen. Die von kleinen 4x4 Fahrzeugen geübte Praxis, mit ca. 80 km/h über das Wellblech hinwegzubrettern, ist mit einem Wohnmobil allenfalls bei langen, kurvenfreien Strecken ratsam. Wir haben stets jede Bodenwelle einzeln ausgekostet.

Wer nicht unbedingt über Saharadünen pflügen oder am Amazonas durch den Schlamm möhren will, braucht meiner Meinung nach nicht unbedingt einen Allradantrieb. Es ist ganz sicher kostengünstiger einige Abstecher zu klassischen 4x4 Zielen (Cape York u.ä.) mit einem Miet-Jeep und Zeltausrüstung zu absolvieren.

Dies sind aber sehr persönliche Kriterien, und jeder zukünftige Weltreisen wird ganz sicher eigene Schwerpunkte setzen.
Fröhliches Planen und eine erfolgreiche Mobil-Suche wünscht
Hildegard
www.wohnmobil-weltreise.de

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boppel
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Weltreisemobil: Wieviel Allrad braucht der Mensch?

Ungelesener Beitrag von boppel » 01 Nov 10 18:17

und noch etwas:

Der beste Allradantrieb bringt bei einem schlechten Fahrer nichts

oder umgekehrt:

Mit ein wenig Fahrpraxis und Übung (insbesondere mit dem eigenen Mobil) unter schwierigen Bedingungen, kommt man auch ohne Allradantrieb und Mud-Terrain-Reifen immer noch sehr weit (manchmal weiter als ein ungeübter Allradler :wink: ).

Gruß

Boppel

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