Wie geht Ihr mit der Armut um?

Worüber man in der Welt-Reise-Community so spricht / sprechen sollte, wo Du Reisethemen diskutieren, von Deinem Fernweh daheim oder Heimweh unterwegs berichten - oder auch außerhalb Deines Vorstellungsbereichs einfach mit anderen Mitgliedern der Weltreise-Community "labern" kannst... (Keine Reise-Infos hier!)
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HanspeterCH
Kiebitz
Beiträge: 3
Registriert: 04 Dez 03 15:08
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Wie geht Ihr mit der Armut um?

Ungelesener Beitrag von HanspeterCH »

Liebe Reisefreunde,

Nach beinahe 20 Jahren Unterbruch plane ich nochmals einen längeren Trip. Ich freue mich wie doll auf die bevorstehenden Begegnungen, auf die Abenteuer, auf die 'Freiheit'. Ein Gedanke trübt jedoch meinen Enthusiasmus:
In jüngeren Jahren habe ich viele Länder weltweit erkundet. Dabei kam es zu unzähligen Begegnungen mit Einheimischen. Oft war ich beschämt ob der Gastfreundschaft der Menschen. Sie teilten das wenige was sie besassen mit mir. Obwohl sie täglich ums Ueberleben kämpfen mussten, luden sie mich zum Essen ein.
In Indien wurde ich beinahe erschlagen- soviel Leid, Armut, unsägliche Lebensumstände. Mit Erschrecken musste ich nach einiger Zeit feststellen, dass ich mir so etwas wie einen Schutzpanzer zugelegt hatte- die Krüppel in ihren Lumpen gehörten halt dazu...
Ein Gedanke der mich nicht loslässt. Darf ich meine Reise antreten? Ja, ich bringe Devisen ins Land und sichere oder schaffe gar Arbeitsplätze. Andererseits: Denke ich nicht zu egoistisch? Meine Reise wird tausende von Fränklis kosten. Sollte ich diesen Betrag nicht besser einem Hilfsprojekt zur Verfügung stellen?
Was meint Ihr?

Hanspeter
Thomas
Aktives WRF-Mitglied
Beiträge: 63
Registriert: 31 Okt 03 10:49

Ungelesener Beitrag von Thomas »

Lieber Hanspeter,

eine Reise nicht anzutreten, da es in der Welt auch Elend gibt, käme meines Erachtens einer »Kopf in den Sand stecken« Strategie gleich. Und ob Dich diese weiterbringt, sei einmal dahin gestellt.

Sicherlich mag es manchmal bedrückend sein, auch von der Seite des Lebens etwas mit zu bekommen, die nicht unserem westlichen Zivilisationsflair entspricht. Aber selbst, wenn Du zu Hause bleibst, gibt es diese Umstände.

Wenn Du es schaffst, das ebenso zu akzeptieren wie Deine persönliche »Machtlosigkeit« ganz allein alles ändern zu können und obendrein noch für den Weltfrieden zu sorgen, dann hast Du schon viel von Deiner Reise profitiert.

Schön wäre es, wenn Du Dein Verhalten während der Reise Deinem offensichtlich gesunden Verantwortungsbewusstsein anpasst. Dazu gab es (auch hier im Forum) schon die eine oder andere Diskussion unter dem Schlagwort »Traveler or Tourist«.

Kopf hoch und nicht entmutigen lassen.

-th.
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Astrid & MArtin
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Wohnort: weltreisend

Verhalten in den ärmeren Ländern

Ungelesener Beitrag von Astrid & MArtin »

Lieber Hanspeter !

Vielen Dank für Deinen Beitrag, mit dem Du Gedanken geäußert hast, die außer uns sicher auch Andere bewegen.

Wie kann man ohne schlechtes Gewissen in Länder reisen, in denen ein mal eben gegebenes Trinkgeld u.U. dem gesamten Monatseinkommen eines dortigen Familienvaters entspricht, in dem Dein Ticket kaum durch lebenslange harte Arbeit bezahlt werden kann ?

Zunächst: Elend und Armut bessern sich nicht dadurch , dass Du nicht reist.

Aber auch unzählige Hilfsprojekte auf der ganzen Welt haben entweder nur eine kurzfristige und scheinbare, langfristig jedoch keine oder keine wesentliche Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse gebracht. Meist werden dabei die Strukturen vor Ort nicht erkannt oder berücksichtigt. Resultat war häufig die Etablierung reicher bürokratischer Institutionen, von denen nur das kleine Umfeld derer profitiert hat, die es verstanden, die reichen Herren für ihre Interessen zu gewinnen.
Das sind in den seltesten Fällen die Mitglieder der unterprivilegierten Schichten gewesen...

Und - mit Geld kann man nicht alles kaufen.

Woher wollen wir wissen, wodurch sich Menschen wirklich reich fühlen? Anderswo ist der von der Konsumgesellschaft gezielt antrainierte Reflex, nur glücklich sein zu können, wenn man dieses oder jenes besitzt, glücklicherweise noch nicht so verbreitet. (Obwohl er leider wie eine bösartige Geschwulst zunehmend den ganzen Globus verseucht).

Auch hier in Deutschland gibt es Formen von Elend und Leid, sie springen einem nur nicht so schnell ins Auge.

Du allein wirst das Elend der Welt nicht ändern können – trotzdem kannst Du durch Dein Sozialverhalten (und weniger durch Geld) einen Beitrag leisten.
Warum nicht den, der Dir am nächsten liegt ? Z.B. reisend das teilen, was wesentlich ist: Menschliches Miteinander, Verständnis, persönliche Unterstützung und ein Gefühl von Vertrauen.
Wenn Du einige Zeit von fremden Menschen aufgenommen wirst und mit ihnen lebst, wird Dir dieses Geschenk zuteil, weil Du umgekehrt diesen Menschen auch etwas gibst: Deine Ansichten und Weltanschauung, tatkräftige Unterstützung, neue Ideen, Geschichten aus einer fremden, unbekannten Welt... überaus wertvolle, unmaterialistische Beiträge zum friedlichen Miteinander und gegenseitigen Verständnis.

Die Armut der sog. Drittweltländer ist systemimanent, solange die erste Welt es sich auf ihre Kosten gut gehen lässt. Daran kann keine Privatinitiative viel ändern.

Das besagte überdimensionierte Touristen-Trinkgeld ist jedenfalls keine Lösung, weil man überall sieht, wie dadurch die sozialen Strukturen vor die Hunde gehen: Fast überall in den ärmeren Ländern verdienen die cleveren Leute, die vom Tourismus leben nämlich das zig-fache der einfachen Bauern und treiben dadurch die Preise für Letztere in unerschwingliche Höhen.
Das führt an fast allen touristischen Orten der ärmeren Ländern zu sozialer Ungerechtigkeit, Unfrieden und Kriminalität...

Die Zeit wird zeigen, was die Welt wirklich positiv verändert.

A vision without a task is but a dream –
A task without a vision is just labour –
A vision with a task is hope for the world.

In diesem Sinne wünschen wir Dir eine gute Reise und viele zwischenmenschliche Kontakte :)
Astrid & MArtin
Das Sein ändert das Bewusstsein
tody
Aktives WRF-Mitglied
Beiträge: 86
Registriert: 08 Sep 03 18:43

Wie geht Ihr mit bettelnden Leuten um?

Ungelesener Beitrag von tody »

Hi alle zusammen!
Es wundert mich eigentlich, dass dieses Thema nicht schon von der Seite her diskutiert worden ist....

Ich bin im Moment in Phnom Penh und hier ist die Praesenz der Bettler und auch die Aufdringlichkeit extrem.... wenigstens im Vergleich zu Vietnam und Malaysia.

Wie geht man aber jetzt mit ihnen um? Kambodscha ist ein sehr armes Land und es gibt auch soweit ich weiss keine Art der sozialen Absicherung. Dazu gibt es dort auch noch viele Minen. Ich denke schon, dass fuer einige Leute keine andere Moeglichkeit besteht, als zu betteln (das ist denke ich bei vielen Bettlern in Europa, wenigstens Dtl. anders). Aber es sind sooo viele! Du kannst einfach nicht allen etwas geben. Als ich am ersten abend hier etwas gegessen habe, waren innerhalb von 10 Minuten vier verschiedene Leute da und wollten Geld. Oft wird dir auch ein Krueppel (wahrscheinlich Minenopfer) direkt vor die Nase geschoben oder sie verfolgen dich regelrecht. Man gibt ja denke ich gerne etwas, wenn man der Meinung ist, dass die es noetig haben und nicht faken (habe auch schon einen gesehen, der einem Kind etwas gezeigt hat und ploetzlich als er mich gesehen hat die Augen verdreht hat und dann angeblich blind war), aber selbst wenn man nicht zu viel gibt, was auch Sinn macht, um die Touris nicht noch mehr zum Ziel zu machen und den Betrug zu foerdern, wenn das Geschaeft all zu lukrativ ist, ist irgendwann die finanzielle Grenze erreicht.
Oder sollte man auf der Strasse gar nichts geben und lieber an eine ortsansaessige Organisation spenden?
Wie verhaelt man sich auch mit bettelnden Kindern?
In Vietnam hatte ich oft den Eindruck, dass einige nur aus Spass die Hand aufhalten (meistens im Vorbeigehen mit einem breiten Grinsen im Gesicht), es aber nicht wirklich brauchen (das wuerden Kinder in Dtl. auch machen, wenn sie wuessten, sie bekommen dann etwas), dann habe ich auch nur ein Bonbon, oder meistens gar nichts gegeben. Andere sahen aber wirklich erbaermlich aus und da habe ich dann versucht, wenn etwas in der Naehe war, ihnen etwas zu essen zu kaufen, denn Geld duerfen Kinder wahrscheinlich sowieso nur in den seltensten Faellen behalten, ausserdem foerdert man damit, dass die Kinder nicht in die Schule sondern zum betteln geschickt werden, weil das ein gutes Zusatzeinkommen fuer die Familie ist. Bei Geld weiss man auch nicht, fuer was es die Kinder verwenden, vorausgesetzt sie duerfen es behalten.
Hier in Kambodscha ist es aber auch wieder so extrem, dass du auch nicht jedem Kind etwas kaufen kannst...

Wie handhabt ihr das?


Tody


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