Es gibt mich noch

Worüber man in der Welt-Reise-Community sonst noch spricht / sprechen sollte, wo Du Reisethemen diskutieren, von Deinem Fernweh daheim oder Heimweh unterwegs berichten - oder auch außerhalb Deines Vorstellungsbereichs einfach mit anderen Mitgliedern der Weltreise-Community "labern" kannst... (Keine Reise-Infos hier!)

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Christian.Rio
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Es gibt mich noch

Ungelesener Beitrag von Christian.Rio » 01 Jun 06 18:13

Es ist nun schon eineinhalb Jahre her, dass ich meine Reise startete. Einige von euch wissen ja, dass ich unterbrechen und nach Hause kommen musste. Seither verging viel Zeit recht sinnlos und ich bin einem inneren Zickzack-Kurs anheim gefallen, der einerseits anstrengend, andererseits aber auch "selbstreinigend" wirkt. Das ist auch der Grund, warum ich lange Zeit ziemlich stark abgetaucht bin. Aber wie ihr seht, gibt es mich noch :-D Und so möchte ich heute mal die Gelegenheit nutzen, allen Alteingesessenen und natürlich auch sonst allen Reisefreudigen Hallo zu sagen und ein wenig meiner Gedanken zu teilen:

Die beste Erkenntnis, die mir die Zeit seit Reiseplanung, Aufbruch, Rückkehr und danach gebracht hat, ist die, dass es nichts bringt, sein Leben wie ein Puzzle zusammensetzen zu wollen. Alle Pläne, die man verfolgt, um sein Leben irgendwie einzuteilen und stückchenweise seine Ziele "abzuhaken" oder "einzusammeln" bringen alles andere als Erfüllung. Der einzige Effekt ist Stress - die Panik, nicht alles zu bekommen, was man sich für das Leben "vorgenommen" hat.

Viele beginnen eine Reise nur, um Eindrücke für ihr psychologisches Lebensalbum zu sammeln bzw. sich das Gefühl zu geben, etwas vom Leben zu "haben" (so damals bei mir geschehen). Manche tun es auch nur, um sich das Gefühl zu geben, sie seien "coole Globetrotter", die voll Bescheid wissen im Leben, weil sie an irgendeiner Küste in Thailand einen Joint geraucht und zu Sonnenaufgang Gespräche über Buddhismus geführt haben. Aber das ist in meinen Augen alles Käse. Eine Reise kann einem Impulse geben, wenn man bereit dazu ist und bestimmte Aspekte des Lebens erforscht. Doch ebensowenig wie diese direkt zu Weisheit führt, ist sie Grund, sich etwas darauf einzubilden.

Eine schöne Reise ist sicherlich etwas, was einen in eine Art Euphorie versetzt und die Welt als Paradies erscheinen lässt. Doch meistens eben nur solange man nicht den einfachen Alltag erlebt, der ja eigentlich überall existiert. Auch die hartgesottensten Rucksackreisenden sind in den Augen der Einheimischen nichts anderes als Touristen.

Was ich damit sagen möchte ist, dass der Grat zwischen Selbstbelügung, Egoismus und ernsthaftem Interesse an einer wirklich neuen Erfahrung sehr schmal ist. Wir in den reichen Industriestaaten können es uns leisten, weite Flugreisen zu unternehmen. Die meisten von uns brechen wohlgepampert mit einer Auslands-KV im Gepäck auf, während viele andere Menschen auf diesem Planeten nicht einmal die KV für so eine Reise bezahlen könnten. Dann kommen wir zurück, zeigen allen die vielen Gigabyte an Bildern, und nach einem halben Jahr nehmen wir den gleichen Trott wieder auf - reden uns aber ein, dass wir nun mehr von der Welt als viele andere um uns herum wüssten. Soviel zum (nicht seltenen) Standardfall einer RTW-Buchung. Man könnte es Eindruckskonsum nennen.

Natürlich gibt es auch Reisende, die sich um diese Aspekte Gedanken machen. Vielleicht mag mancher sogar nur ins Ausland gehen, um an einem Hilfsprojekt teilzunehmen. Doch selbst hier es ist fraglich, wieviel Aufrichtigkeit im Spiel ist, und ob dahinter am Ende nicht doch wieder Ich-Bezogenheit steht. Vielleicht hält man sich einfach nur für einen besseren Menschen und findet das Gefühl toll, "zu den Guten zu gehören", weil man so etwas tut? Also auch als Wohltäter kann man Narzist sein. Sich das zuzugeben ist für die meisten schwer.

Nun ja, es soll ja nicht jedem, der eine Reise plant, unterstellt werden, dass er niedere Beweggründe hat. Denn das wäre ja unsinniger Idealismus. Es ist natürlich völlig ok (und irgendwie immer noch am ehrlichsten), wenn jemand einfach sagt: "Hey, ich will einfach nur eine schöne Reise machen." Aber ausgegangen von dem Gedanken, dass man sich von einer Reise eine Veränderung erhofft, will ich hier ein wenig dazu beitragen, das Ganze zu durchleuchten. Es ist nicht immer leicht, sich selbst auf die Schliche zu kommen. Und so möchte ich lediglich ein wenig von dem weiterkommunizieren, was sich mir mit der Zeit zum Thema Sinn und Zweck einer Reise eröffnet hat.

Was auch immer der Beweggrund einer Reise ist: Eine Reise kann Ausdruck oder Folge einer ernsthaften persönlichen Weiterentwicklung sein. Doch es ist nicht so, dass eine Reise automatisch einen neuen oder besseren Menschen aus einem macht und eine besondere Spiritualität in uns weckt. Im Gegenteil - oft ist es sogar so, dass eine Reise nur gemacht wird, weil es in Mode gekommen ist. Ein extremes Beispiel sind die Horden von Abiturienten, die an Australiens Ostküste wie Lemminge auf gleichen Pfaden trampeln. Es ist eben schick, wenn man später ein Känguruh-Warnschild im Zimmer hängen hat und sagen kann, dass man auch schon mal "down under" war.

Die Wahrheit ist aber, dass viele nur Nachahmer sind, um dazuzugehören zu dem exklusiven Klub der Weitgereisten. Es ist eben "cool", als "Weltenbummler" zu gelten und "individuell" zu sein. Doch Individualität ist in diesen Tagen ein blasser Mythos. Nie zuvor haben sich Menschen so sehr geglichen wie heute. Und das tun sie auch unter Weltreisenden. Zitate wie "Der Weg ist das Ziel" oder "Follow your bliss" sind ja seit dem Erblühen der Esoterik- und Selbstfindungswelle stark im Trend und werden allerorts gern nachgeplappert. An manchen Stellen, wenn ich Leute getroffen habe, die als Folge ihrer Weltreise besonders stark ihre neugewonnene Weltoffenheit und Toleranz betont haben, fragte ich mich schon hin und wieder, wer denn nun spießiger ist: Ein Rentner im Schrebergarten oder ein Strandjünger in Goa?

Denn es ist nicht die Anzahl der Kilometer, die man zurücklegen muss, um mehr von der Welt zu begreifen. Und es ist auch nicht der Besuch in einem Armenviertel am anderen Ende der Welt, der automatisch einen barmherzigen Gutmenschen aus einem macht. Es ist vielmehr die Unergründlichkeit in uns selbst, die wir erforschen müssen, um uns der Welt öffnen zu können. Es ist die Leere in uns, unsere Ängste, unsere Besitzsucht, unsere Gier, unser Egoismus, unser Neid, unser Narzismus, unsere Denkmuster, unsere verhärteten Standpunkte, unser krampfhafter Ehrgeiz, unser Machttrieb, unser Verlangen nach Kontrolle, etc. (man verzeihe mir den furchtbaren Klang nach Pathos). Diese Dinge sind es, die wir anzweifeln sollten, bevor wir etwas neues hinzufügen. Also erst mal den Acker pflügen bevor man einfach drüber pflanzt. Sonst wuchert das Unkraut von unten wieder durch.

Eine Reise kann Auslöser sein oder unterstützen im Lebensprozess. Aber wenn wir nicht so weit sind und die Bereitschaft fehlt, werden wir innerlich nur einmal um den Block fahren. Deshalb ist es wichtig, zuerst einmal loszulassen und die alten Gewohnheiten und Wünsche zu entblößen: "Warum will ich dies oder jenes? Ist es das Vervollständigen einer Idealvorstellung, die ich mir im Kopf über mein Leben zurechtgelegt habe? Oder besteht eine tatsächliche Entsprechung zur inneren Entwicklung? etc." Wenn wir nur losfahren, um schöne Bilder im Kopf und auf dem Speicherchip nach Hause zu bringen, dann können wir uns auch einen Bildband im Buchladen um die Ecke kaufen.

Denn alles, was wir "sammeln", um unser Leben zu "komplettisieren", ist nur ein wackeliges Kartenhaus, das schon beim nächsten Unwetter zusammenfallen kann. Gerade dann, wenn wir glauben, wir hätten genug von dem erlebt und erworben, was wir uns schon immer gewünscht haben, damit wir sagen können, unser Leben sei erfüllt; gerade und besonders dann lauert schon das nächste unruhige Verlangen in uns, weil wir auf diese Art niemals vollständig sein werden. Egal, ob wir uns eine Philosophie zurechtlegen, uns mit diesem oder jenem identifizieren, ein Buch schreiben, diesen oder jenen Glauben annehmen, dies oder jenes Wissen aneignen, die eine oder andere Sache kaufen oder schon mal hier oder da gewesen sind. Jede Art von Festlegung, Erreichenwollen und Einsammeln ist der krampfhafte Versuch, unser Leben mit etwas zu füllen - und sei es nur das Bestreben, irgendwie klüger zu werden. Wir sind oftmals so sehr damit beschäftigt, dass wir verlernen, wie man sich an den einfachsten Dingen erfreuen kann. Doch wie auch immer... ich finde trotzdem, dass "The Great Escapade" verlockend günstig ist ;-)

Christian

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Der_Felix
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Es gibt mich noch

Ungelesener Beitrag von Der_Felix » 01 Jun 06 21:54

Hallo Christian und willkommen zurück ...

... aber muss das wieder mit lauter Gedanken sein, die ich erstmal tagelang verdauen muss, bevor ich mir zutraue, darauf zu antworten?

Ich hab mich jedenfalls gefreut, wieder von Dir zu lesen!

Einen fröhlichen Willkommensgruß!

Felix
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Christian.Rio
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Ungelesener Beitrag von Christian.Rio » 01 Jun 06 22:15

Hallo Felix!

Ja, es ist schön, mal wieder aktiv dabei zu sein und vor allem von Euch zu lesen! Ich muss gestehen: Eigentlich wollte ich ja gar nicht so viel labern und es sollte nur so eine Art "I am back" Gruß sein. Aber dann hat sich das 10-Finger-System mit meiner Philosophie-Ader verbunden... :-D Ich gelobe Besserung :-P

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Christian.Rio
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Ungelesener Beitrag von Christian.Rio » 01 Jun 06 23:00

Vielleicht wäre es ganz gut, diesen Thread zu löschen... Ich denke, mir ist da wirklich der Gaul durchgegangen. So bleischwere Kost ist nicht gut fürs Forum. Also mir wäre es lieb, dass es gelöscht wird. Kann den Thread leider nicht editieren.

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Julchen
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Re: Es gibt mich noch

Ungelesener Beitrag von Julchen » 01 Jun 06 23:25

Der_Felix hat geschrieben:... aber muss das wieder mit lauter Gedanken sein, die ich erstmal tagelang verdauen muss, bevor ich mir zutraue, darauf zu antworten?
Geht mir auch so, ich werd gleich mal beim Hostel-Putzen drueber nachdenken. :wink:
Christian hat geschrieben:Vielleicht wäre es ganz gut, diesen Thread zu löschen... Ich denke, mir ist da wirklich der Gaul durchgegangen. So bleischwere Kost ist nicht gut fürs Forum.
Das sehe ich nicht so, es schadet glaub ich keinem, mal genauer drueber nachzudenken. Auch keinem "Goa-Juenger" (super Ausdruck!)
Der_Felix hat geschrieben:Ich hab mich jedenfalls gefreut, wieder von Dir zu lesen!
Das unterschreibe ich von ganzem Herzen! :D

Liebe Gruesse aus Paihia, NZ
julchen
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Re: Es gibt mich noch

Ungelesener Beitrag von MArtin » 01 Jun 06 23:46

Christian.Rio hat geschrieben:Vielleicht wäre es ganz gut, diesen Thread zu löschen...
Wenn Du wirklich willst, lösche ich ihn - finde aber, es wäre wirklich ein Verlust, zumal ich viele Deiner Gedanke gut nachvollziehen kann - und ich bin sicherlich nicht der Einzige.

Hier treffen sich immer mehr Reisende, denen es nicht auf Kilometer oder Passstempel ankommt, sondern auf zwischenmenschlichen Austausch, die den Konsumwahn beim Reisen als solchen erkennen, die ein starkes Bedürfniss auf grenz- kultur- religion- und was noch- überschreitende Mitmenschlichkeit verspüren und es unterwegs umsetzen.
Dein Beitrag ist bei weitem nicht der Einzige, der sowas anspricht - und zum Nachdenken in dieser Richtung anregt.
Mir würde er fehlen, wenn gelöscht.

Liebe Grüße :)

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Ungelesener Beitrag von Christian.Rio » 02 Jun 06 0:01

...mhh ok. Ich dachte nur, weil ich so arg ins Labern über den Sinn und Zweck des Reisens kam, sei es vielleicht eher verunsichernd für den ein oder anderen. Und teilweise ist es recht unvollständig und zu pauschalisiert, was ich hier von mir gegeben hab. Also dann muss ich wenigstens hinzufügen, dass ich das alles nicht 100% so sehe, wie es da oben steht. Es sind vielmehr Gedankenspielereien und grundsätzliche Überlegungen, die mit Sicherheit nicht für jeden Aspekt gelten können, weil es noch viel mehr als diese gibt. Die kann man aber natürlich nicht alle in einem einzigen Posting ansprechen. Das lasse ich auch schön bleiben, sonst wirds wieder zu diffus :-D

Sun
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Ungelesener Beitrag von Sun » 02 Jun 06 7:06

Hallo und willkommen zurück Christian

Dein Beitrag darf auf keinen Fall gelöscht werden! Es ist absolut toll, was du da geschrieben hast. Kann zwar nicht richtig darauf antworten, aber es spricht mir aus der Seele!

Sarah

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Ungelesener Beitrag von Petra » 02 Jun 06 9:53

Hallo Christian,

welcome back!!
Wir haben dich sehr vermisst und du bist ja auch gleich mit einem "schweren" Beitrag wieder eingestiegen!!

Hast in vielen Punkten recht und ich finde auch, dass wir diesen Beitrag unbedingt stehen lassen müssen!! Bringt vielleicht ein paar Traveler zum Nachdenken über den Sinn einer Reise!! Das ist ja nicht schlecht.

Gruss aus dem endlich sonnigen Berlin

Petra

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