Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Nach längerem Reiseleben ist nichts mehr, wie es vorher war: Die Heimat nicht und man selbst schon gar nicht. Und dann trotzdem: Business as usual?
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Julchen
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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Julchen » 06 Sep 06 17:12

Hallo Ihr Lieben,

Heute ist Halbzeit bei mir, 4 Wochen D liegen hinter mir und 4 Wochen vor mir, zwischen meinem Reisejahr und meinem Aufbruch nach Nepal.

Es ist schon komisch, wieviel sich unterwegs verändert. Als ich zu meiner Reise aufgebrochen bin, lag meine Zukunft relativ klar vor mir (fester Freund, Berufspläne...), inzwischen scheint mir alles Chaos zu sein. Ist das Reisen daran schuld, weil man auf einmal so viele Lebensoptionen zur Auswahl zu haben scheint??? Warum weiß ich nur immer mehr, was ich nicht will, aber nicht, was ich will?

Wenn ich zu Hause geblieben wäre, hätte ich dann wirklich mein Leben nicht in Frage gestellt? Eigentlich glaube ich das nicht, ich denke, dass Reisen solche Prozesse vielleicht beschleunigt, nicht aber auslöst. Aber dann ist es wie mit meinem Lieblingbeispiel mit dem Kleiderschrank: Früher hatte frau 2 Werktagskleider und ein Sonntagskleid und wusste immer, was sie anziehen soll. Heute steht sie vor einem übervollen Schrank und kommt zu dem Schluss, dass sie eigentlich nichts anzuziehen hat.

Wären wir glücklicher, wenn wir weniger Auswahl hätten? Sind wir zu wählerisch?

In armen Ländern sind die Leute damit beschäftigt, das Notwendige zum Leben zu erlangen. Hier leben wir im Überfluss, und Depressionen verbreiten sich wie das schwarze Loch in der Unendlichen Geschichte.

Macht uns der Überfluss krank?

Vielleicht wäre alles einfacher, wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, in denen es klarere Regeln gibt. Arrangierte Ehen werden seltener geschieden als Liebesheiraten, wenn man damit beschäftigt ist, seine Kinder ernähren zu können, grübelt man weniger über den Sinn des Lebens.

Aber zurück geht es ja auch nicht mehr, und wer einmal die Freiheit geschmeckt hat, fügt sich nicht mehr in fremdbestimmte Zwänge.

Und trotzdem ist die Sehnsucht, irgendwo anzukommen, doch vorhanden. Ein Ort, an dem man sich zuhause fühlt, ein Mensch, mit dem man sein Leben verbringen will - aber dann soll er bitte aussehen wie Johnny Depp, eine Stimme haben wie Viggo Mortensen und den Witz von Harald Schmidt - so ungefähr. Und der Beruf soll Erfüllung sein, einem ein sorgenfreies Leben ermöglichen, abwechslungsreich sein aber nicht zu stressig -

Erwarten wir nicht ein Ideal von Leben, das wir eh niemals erreichen werden????

Soweit mein Wort zur Halbzeit :wink: ...

Liebe Grüße
Euer julchen
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Krucki
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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Krucki » 06 Sep 06 18:55

Da macht sich aber jmd. viel Gedanken.

Ich glaube, dass man erst weiß was man will, wenn man mal gefunden hat was man will.
Natürlich ist es leicht festzustellen, was man nicht will, aber was man will ist nicht so leicht herauszufinden, manche suchen ein Leben lang danach.
Andere (und das ist glaube ich die bessere Variante) folgen einfach ihrem Gefühl bzw. ihrer Seele und stossen wie von selbst auf das Richtige.

Depressionen in der westlichen Welt verbreiten sich meiner Ansicht nach deshalb so extrem, weil viele Leute genau wissen, dass sie was falsches machen aus einem Zwang heraus den uns die Konsumgesellschaft vorgibt.

Aber anstatt sich zu ändern sind die meisten Menschen zu feig oder zu faul oder beides und versinken lieber in einem schwarzen Loch anstatt sich auf die Suche zu machen was ihnen gut tut.

Liebe Grüße,
Laurenz

P.S. lieber ein paar Jahre suchen und das Leben dabei finden als ein Leben lang in einem definitiv falschen Leben festzuhängen.
Das Leben ist eine Art Waldspaziergang...
man muß nur ein bisschen auf den Weg achten und kann ansonsten bedenkenlos die Schönheit genießen.

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Julchen
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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Julchen » 06 Sep 06 22:32

Krucki hat geschrieben:Da macht sich aber jmd. viel Gedanken.
Ja, vermutlich ist das mein Problem. Wenn ich's nur abstellen könnte... :wink:
Depressionen in der westlichen Welt verbreiten sich meiner Ansicht nach deshalb so extrem, weil viele Leute genau wissen, dass sie was falsches machen aus einem Zwang heraus den uns die Konsumgesellschaft vorgibt.

Aber anstatt sich zu ändern sind die meisten Menschen zu feig oder zu faul oder beides und versinken lieber in einem schwarzen Loch anstatt sich auf die Suche zu machen was ihnen gut tut.
Wär schön, wenn das so wäre. Aber das hieße ja, dass man sich selber von der Depression ganz einfach heilen könnte!?! Statt dessen ist es eher so, dass man sich immer wieder selbst versucht, an den Haaren aus dem schwarzen Loch rauszuziehen, und kaum hat man's geschafft, landet man im nächsten. Und irgendwann fehlt einem da einfach die Kraft, es immer wieder zu tun...
Ich glaube, dass man erst weiß was man will, wenn man mal gefunden hat was man will.

[...] und stossen wie von selbst auf das Richtige.
Da wären wir wieder mal beim berühmten Flow... Ist nur leider so, dass es einem leicht fällt damit, wenn es einem gut geht, aber wenn man im schwarzen Loch steckt, ist der Flow einfach unerreichbar. Und was bringt es, zu suchen, wenn man dann unweigerlich doch wieder nur im nächsten schwarzen Loch landet?

Ich denke heute einfach zu viel. Sollte mich vielleicht betrinken, damit das aufhört, aber hab noch von gestern einen Kater 8) .

Liebe Grüße und danke, Krucki!
julchen
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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Coogar » 07 Sep 06 16:52

Gute Frage, was will ich eigentlich?

Ich kann's in Teilen nachvollziehen.
Nach meiner Rückkehr aus Südamerika gab es für mich eigentlich nur noch den Gedanken an die Rückkehr NACH Südamerika. Das ist jetzt 9 Monate her und in knapp 4 Wochen bin ich wieder unterwegs, dahin wo ich hinwill.
Natürlich habe ich ausgerechnet jetzt plötzlich das Gefühl, hier mein Zuhause zu haben (wo war das Gefühl vorher) und natürlich habe ich jetzt einen klasse Mann kennengelernt (nicht Johnny/Viggo/Harald aber liebenswert und 'comforting' und offen und ehrlich und hübsch und lustig - und wo war DER überhaupt vorher??), und das setze ich jetzt alles aufs Spiel, weil ich ein halbes Jahr wieder weggehe. Hauptsächlich ins geliebte Argentinien. Und danach komme ich wieder hierher zurück und dann? Alles weg? Alles noch da? Wieder von vorne beginnen? Irgendwo in der Mitte?

Keine Ahnung, Julchen, ich wünschte ich wüsste es. Und selbst das würde nichts ändern. Denn natürlich werde ich gehen. Und hoffen, dass sich schon alles ergeben wird, wenn ich wiederkomme. Mehr kann man wohl nicht tun. Und wenigstens bleibt es spannend.

Liebe Grüße, Coog 8)
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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Julchen » 07 Sep 06 22:46

Julchen hat geschrieben:eine Stimme haben wie Viggo Mortensen
Muss ich doch glatt mal mich selbst zitieren und was lustiges erzählen...

Die Nacht, nachdem ich das geschrieben habe, habe ich geträumt, Viggo Mortensen wär von der Al Quaida ermordet worden und ich wär furchtbar traurig gewesen. :oops: Bescheuert... und wie deutet man jetzt so einen Traum??? 8)

Liebe Grüße
julchen
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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Julchen » 07 Sep 06 23:01

Coogar hat geschrieben:Natürlich habe ich ausgerechnet jetzt plötzlich das Gefühl, hier mein Zuhause zu haben (wo war das Gefühl vorher)
Das ist ja auch verhext, oder? Vor der letzten Abreise hatte ich auch das Gefühl, warum gehe ich überhaupt hier weg, wo es doch schön ist, wo ich so tolle Freunde habe, wo ich mich mit meiner Musik wohl fühlte und glaubte, meinen Weg gefunden zu haben... Und jetzt grad ist der Gedanke, ohne meine Freunde in Nepal zu sitzen, ganz furchtbar. Klar werde ich dort Freunde finden, aber eben nicht dieselben!

Das Seltsame ist nur, dass ich vor der Abreise aus Nepal und Südamerika ganz genauso gefühlt habe, dass ich einfach nicht weg wollte. Kennst Du das auch, so sprunghaft zu sein? Ein bisschen mehr Konstante im Leben wär schön, aber ich fürchte, das geht nicht, wenn ich dabei bin... :roll:
und wo war DER überhaupt vorher?
Das grenzt ja auch fast schon an Boshaftigkeit, sich solange zu verstecken, bis Du fast schon weg bist... typisch Mann, kein Timing! :lol:

Ganz liebe Grüße nach Irland
Deine Julia
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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Coogar » 08 Sep 06 11:18

Julchen hat geschrieben: Das grenzt ja auch fast schon an Boshaftigkeit, sich solange zu verstecken, bis Du fast schon weg bist... typisch Mann, kein Timing! :lol:
:lol:
Naja, er kann nicht wirklich was dafür, eigentlich ist er ja gerade erst nach Dublin gekommen (er ist Schwede) und hat sogar noch im Hostel gewohnt, als wir und begegnet sind.

Aber was Du da von den Abreisen aus den Ländern schreibst, das kenne ich nur zu gut! Am letzten Abend in Argentinien haben meine dort gefundene Freundin Sush und ich die ganze Nacht auf der Terrasse gesessen und geredet und geheult und uns im Arm gehalten, es war absolut grauenvoll! Und als dann das Taxi kam hat sogar mein englischer Freund von dort, der immer total cool war, angefangen zu weinen. Echt die totale Heulbojennummer von allen Seiten. Zurück in Dublin war ich dann für eine Weile ganz gegen meine Natur total still und habe mich sowas von fehl am Platz gefühlt. Ich freue mich zwar schon auf Südamerika, aber jetzt kommen auch so die Gedanken, dass ich dort Phasen haben werde, wo ich mich einsam fühle und keinen Bock mehr habe, mir mit der Sprache einen abzuquälen usw. Weil ich weiß, dass man diese Phasen auf Reisen eben hat.
Naja, irgendwie kehrt sich alles ständig um, im Endeffekt kann man nicht wissen, ob man das Richtige tut, weil man es ja nicht im Parallelleben testen kann.
Gehst Du trotzdem sicher nach Nepal zurück oder haderst Du noch?
Ganz liebe Grüße von der Insel,
Coog
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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Der_Felix » 08 Sep 06 14:41

Es gibt einen schönen Song von den Maniac Street Preachers mit dem mit dem Titel: "The Grass is always greener on the other Side"- ich finde, das trifft es: man freut sich wochen- oder monatelang auf die Reise (oder in Julchens Fall: das Auswandern ;-) ), bereitet vor, plant, träumt, usw. Nur wenn man dann auf einmal kurz davor steht, fragt man sich, wieso man sich das eigentlich an tun will? Veränderung ist immer anstrengend und der Mensch nun mal ein bequemes Tier.

Das Problem ist, gäbe man der Bequemlichkeit (respektive Unsicherheit, Angst, wasauchimmer) nach, wäre man auch nicht zufrieden. Ich bin mir sicher, dass Du ab dem Moment, wo Du Deine Nepal-Pläne aufgäbest und bliebst, totunglücklich mit dieser Entscheidung wärst.

Man kann im Prinzip endlos zwischen den beiden Wiesen hin- und herspringen, das Gras scheint komischerweise immer an der Seite grüner, an der man gerade nicht ist ... ;-)

Alles Liebe!

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Nach der Reise, vor der Reise oder: Was will ich eigentlich?

Ungelesener Beitrag von Eliane » 08 Sep 06 15:50

Hallo,

man darf bei einer Langzeitreise und erst recht beim Auswandern auch nicht vergessen, warum man eigentlich weg wollte. Sicher nicht wegen der guten Freunde zu Hause. Aber unser Leben besteht ja leider nicht nur aus guten Freundschaften. Der Rest muss auch stimmen.

Und man findet in der Fremde, vor allem wenn man festen Aufenthalt nimmt, auch neue Freunde. Ich habe in Burjatien einen so festen Freundeskreis, wie ich ihn in Deutschland niemals hatte. Nach dem Studium sind alle auseinander gezogen, da war ich auch viel allein und hatte niemanden zum Umarmen.

Und mir ist gerade vor zwei Monaten etwas sehr Angenehmes widerfahren. Ich habe eine Deutsche kennengelernt, die schon das lebt, was ich in zwei Jahren vorhabe. Wir waren vom ersten Augenblick an ein Herz und eine Seele und können kaum das nächste Wiedersehen erwarten.
Und sie versteht meine Sorgen und Probleme sehr viel besser, als alle Daheimgebliebenen.

Liebe Grüße aus Irkutsk
Eliane
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